Portrait Irina Simse, KZ-Überlebende und Vereinsmitglied

"Wir sind Kampf gewohnt"

Irina Simse (66) ist im Simferopoler Verein der ehemaligen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter als ehrenamtliche Koordinatorin für das Gebiet Jewpatorija aktiv. Sie hat sich bereits zu Sowjetzeiten für die Überlebenden von KZs und andere NS-Opfer eingesetzt und ließ sich dabei von Widerständen nicht beirren. Hier erzählt sie von den Jahren der Diskriminierung und von ihrem langen Kampf um Anerkennung und Würdigung.

Irina Simse vor dem Simferopoler Begegnungszentrum für NS-Überlebende "Haus Hoffnung", Juni 2009

Irina Simse kann sich an nichts mehr erinnern. Alles, was sie weiß, kennt sie aus den Erzählungen ihrer Mutter, der älteren Geschwister und anderer Leidensgenossen. Das Grauen hat sie als Säugling erlebt, doch die vier Monate im Vernichtungslager Sowchos Krasnyi auf der Krim haben ihr Leben geprägt wie nichts, was danach kam. "Das KZ war so schlimm, dass es mit Buchenwald oder Mauthausen verglichen wird", weiß die 66-Jährige aus eigenen Recherchen.

 

Irina Simse wurde unter deutscher Besatzung geboren, im September 1943. Ihr Vater gehörte den Partisanen an, die Familie versteckte sich mit anderen Angehörigen der Truppe und weiteren von den Nazis verfolgten Menschen am Waldrand. Als die Niederlage der Wehrmacht unausweichlich näher rückte, besetzten die Deutschen sämtliche Siedlungen auf der Krim, verbrannten Häuser und Dörfer vermeintlicher oder tatsächlicher Partisanen und verschleppten die Bewohner in das schnell errichtete KZ nahe Simferopol.

 

"Die Faschisten hatten nur ein Ziel", berichtet Irina Simse. "Sie wollten die Leute so schnell wie möglich vernichten." Die Opfer mussten ihre Gräber selbst schaufeln, Lastwagen mit Gaskammern wurden eingesetzt, es kam zu Massenerschießungen und öffentlichen Verbrennungen. "Man sagt", erzählt Irina Simse, "dass der Boden noch geatmet hätte, als die Rote Armee kam, so viele Tote wurden dort innerhalb kürzester Zeit begraben."

 

Wie durch ein Wunder überlebte Irina mit ihren beiden Geschwistern, der Mutter und der Großmutter. Im April 1944 wurde das Lager befreit, doch der Schrecken setzte sich in der Sowjetunion auf anderer Ebene fort. "Wir durften niemandem sagen, dass wir KZ-Häftlinge gewesen sind", sagt sie. "Wir galten doch allesamt als Feinde des Volkes!" Ihr sechs Jahre älterer Bruder durfte deswegen trotz bester Noten und bestandener Aufnahmeprüfung keine Hochschule besuchen.

 

Irina wollte sich ihrem Schicksal nicht fügen. Unermüdlich forschte sie nach Leidensgenossen. "Ich wollte, dass der Staat unsere Geschichte anerkannte", sagt die mutige Frau. Auf eigene Faust ging sie von Amt zu Amt bis hin nach Kiew, forschte nach Dokumenten, stieß jedoch überall nur auf Ablehnung und Unwillen. In den 80er Jahren setzte sie einen Aufruf an ehemalige Partisanen und deren Nachfahren in die Zeitung. "Ich wollte, dass wir gemeinsam eine stärkere Stimme erhielten", erklärt sie mit festem Blick.

 

Zehn Jahre später erkannte die unabhängige Republik Ukraine ihr Schicksal endlich an. Kurze Zeit später trat Irina Simse als eines der jüngsten Mitglieder der "Simferopoler Städtischen Organisation der invaliden KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter" bei. Seitdem gehört sie zu den tragenden Säulen des Vereins, ist ehrenamtlich für Hausbesuche und das Vereinsleben in der Region Jewpatorija zuständig und setzt sich unermüdlich für die späte Anerkennung der NS-Opfer und gegen das Vergessen ein. "Wir waren doch Partisanen", sagt Irina Simse mit einem verschmitzten Lächeln. "Wir sind Kampf gewohnt."