Interview Maria Frolowa (87), Vorsitzende des Vereins

"Wir wollen von unseren Erfahrungen berichten"

Maria Frolowa besuchte die Kunstfachschule, als die Deutschen die Krim besetzten. Die damals 20-Jährige wurde zur Zwangsarbeit nach Frankfurt am Main verschleppt, kam bald wegen Arbeitsverweigerung in Gestapo-Haft und schließlich ins KZ Ravensbrück. Die Befreiung erlebte sie während eines der sogenannten Todesmärsche. Zu Sowjetzeiten musste die als Leiterin eines Restaurants arbeitende Frau ihre Vergangenheit verschweigen. Heute ist die 87-Jährige Vorsitzende der "Simferopoler Städtischen Organisatin der invaliden KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter" und versucht, wo immer möglich über ihre Geschichte Zeugnis abzulegen und die Arbeit ihres Vereins bekannt zu machen.

Maria Frolowa (links) unterhält sich mit Mitarbeiterinnen des Vereins vor dem Eingang zum "Haus Hoffnung" in Simferopol

Sie sitzen einem sehr aktiven Verein für und von NS-Opfern vor. Was hält ihre kleine Organisation zusammen?

Wir alle haben das gleiche Schicksal. Wir alle waren KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter oder beides. Jeder Mensch geht damit anders um, aber wir geben uns gegenseitig Kraft. Der Verein bringt uns zusammen. Jahrzehntelang mussten wir unsere Vergangenheit verschweigen. Hier können wir offen darüber sprechen, wir haben Verständnis füreinander und wir wenden uns sogar nach außen, indem wir in die Schulen oder auf öffentliche Veranstaltungen gehen. Wir wollen von unseren Erfahrungen berichten, damit alle Menschen in Frieden leben können.

 

Wie entstand der Verein?

1998 bekam ich unverhofft einen Brief vom "Fürstenberger Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück"“. Er enthielt die Einladung zu einem gegenseitigen Kennenlernen. Also setzten wir uns zu dritt in den Zug und fuhren los. Wir waren eine Woche lang in Deutschland und besuchten auch das KZ Ravensbrück, in dem ich als junges Mädchen war. Es war gruselig, an diesen Ort zurückzukehren. Dort entstand aber der Vorsatz, alle ehemaligen Häftlinge auf der Krim zusammenzubringen.

 

Wir schalteten eine Annonce in der Zeitung und innerhalb kürzester Zeit kamen 58 ehemalige KZ-Häftlinge aus Ravensbrück zusammen. Auch andere KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter meldeten sich. So entstand der Verein. Nach einigen Jahren hatten wir 230 Mitglieder. Inzwischen sind viele gestorben. Ich bin seit vier Jahren Vorsitzende.

 

Wie sieht die konkrete Vereinsarbeit aus?

Wir sind froh und auch stolz, humanitäre Hilfe aus Deutschland zu erhalten. Das zeigt: Die Deutschen haben uns nicht vergessen! Vier Mal im Jahr verteilt der Verein Lebensmittel an alle Mitglieder auf der ganzen Halbinsel. Es gibt auch Kleidung, Bettwäsche, Schuhe, Brillen, Gehhilfen usw. Wir haben einen Kleinbus, der über die ganze Krim saust und medizinische Geräte, Krankenbetten oder Rollstühle zu den Bedürftigen bringt. Leider ist das Benzin so teuer geworden, dass wir den Bus selten nutzen können. Das Weihnachtsgeld von 10 Euro bedeutet uns sehr viel. Das ist für die alten Leute auf der Krim ein Segen!

 

Wir haben in jedem Gebiet eine Koordinatorin, 14 insgesamt. Sie bilden die Nabelschnur zum Vorstand und erledigen die persönlichen Besuche vor Ort. Manche Mitglieder benötigen ärztliche Hilfe und müssen gepflegt werden. Das regeln alles die Koordinatorinnen. Am meisten leisten unsere drei Mädchen hier im "Haus Hoffnung". Sie sind die Töchter ehemaliger Vereinsmitglieder und bilden die Säulen unseres Vereins. Wir hoffen, dass sie uns niemals verlassen.

 

Was passiert im "Haus Hoffnung"?

Unser Häuschen ist das Herz des Vereins. Dienstags und donnerstags sind offene Besuchstage, dann brummt es hier wie im Bienenkorb. Wir werten die Berichte aus, planen kulturelle Ausflüge, besprechen alle möglichen Dinge. Jeden letzten Mittwoch im Monat ist Teekränzchen. Manchmal feiern wir hier Geburtstage oder Namenstage. Seit kurzem haben wir eine Küche und eine Waschmaschine. Jetzt können wir Essen kochen und Wäsche für die alten Leute waschen. Das Haus haben wir 2006 durch Spenden aus Fürstenberg und Hamburg gekauft und renoviert. Jetzt sind wir glücklich. Es ist unser zweites Zuhause. So etwas gibt es auf der ganzen Krim kein zweites Mal!