Interview Ljudmila Ryschowa (52), Vorstandsmitglied des Vereins

"wir haben Hoffnung geschöpft"

Interview mit Ljudmila Ryschowa (52), der Leiterin eines Projektes zur Unterstützung von bedürftigen NS-Opfern auf der Krim, das vom Simferopoler Verein der ehemaligen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter koordiniert wird. Seit April 2007 wird die Arbeit der 1998 gegründeten, weitgehend von ehrenamtlichem Engagement getragenen Organisation von der Stiftung EVZ unterstützt.

Ihr Verein bietet NS-Opfern auf der gesamten Krim vielfältige Angebote im Bereich der Pflege und Lebenshilfe. Wer unterstützt diese Arbeit?

Ljudmila Ryschowa während eines Besuchs bei der Ortsgruppe des Vereins in Sewastopol, Juni 2009

Zunächst einmal bekommen wir Geld- und Sachspenden aus Deutschland. Neben der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" haben wir noch weitere Partner in Deutschland wie den "Fürstenberger Förderverein Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück", die "Kurt und Herma Römer Stiftung" in Hamburg und andere Initiativen.

 

Dank dieser Unterstützung konnten wir ein kleines Haus kaufen, das uns heute als Begegnungsstätte und Büro dient, wir können die laufenden Kosten decken, minimale Aufwandsentschädigungen für die Ehrenamtlichen zahlen und vier Mal im Jahr Lebensmittelpakete verteilen. Leider reicht das Geld kaum für lebensnotwendige Medikamente oder Benzin für den Kleinbus, der ebenfalls gespendet wurde. Ohne die Solidarität, Freundschaft und Hilfe aus Deutschland würde hier gar nichts passieren.

 

Erhalten Sie keine Unterstützung von ukrainischer Seite?

Unser Staat will nichts von uns wissen. Wir haben alles versucht: Wir haben uns ans Parlament gewandt, an den Präsidenten in Kiew geschrieben, Unternehmen, Betriebe, Konservenfabriken, Molkereien vor Ort gefragt – alles ohne Resonanz! Der einzige Erfolg war ein 300-Griwna-Gutschein eines Supermarktes für Lebensmittel, 30 Euro! Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn wir eine Runde Lebensmittelpakete austeilen, kostet das 7.000 Griwna, Transportgeld nicht mitgerechnet. Auf die Reichen unseres Landes brauchen wir nicht zu hoffen – unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit, dass Einzelne soziale Verantwortung übernehmen würden.

 

Dennoch arbeiten sie hauptsächlich mit Ehrenamtlichen…

Wir haben 14 Koordinatorinnen, die über die ganze Krim verteilt und für die Gruppen in ihrer Region zuständig sind. Ohne diese Frauen würde der Verein nicht funktionieren. Wir haben insgesamt 176 Mitglieder, 18 von ihnen sind schwer krank, 76 können sich kaum bewegen. Sie alle werden zu Hause besucht und gepflegt. Einige der ehrenamtlichen Helfer waren als Kinder im KZ und dann gibt es noch solche Ausnahmen wie die Vorsitzende Maria Frolowa, die trotz ihres hohen Alters sehr fit und aktiv sind. Tatjana Romanenko und Swetlana Gassan sind wie ich Kinder von KZ-Häftlingen. Wir drei bilden den Vorstand.

 

Warum engagieren Sie sich?

Für uns ist das eine Verpflichtung, die wir unseren Müttern und anderen KZ-Häftlingen schulden. Unsere Kinder sind zwar aus dem Haus, dennoch haben wir durch den Verein praktisch kein Privatleben mehr. Die Vereinsarbeit ist Freude und Last zugleich. Ich bin die Einzige im Vorstand, die eine monatliche Aufwandsentschädigung erhält. Die allerdings ist sehr gering und ich arbeite manchmal mehr als 60 Stunden pro Woche. Tatjana und Swetlana arbeiten auch viel. Wir fühlen uns oftmals überfordert mit all den Aufgaben, aber wenn wir uns nicht um unsere Babuschkas kümmerten, wer täte es dann?

 

Sehen Sie Möglichkeiten, das Ehrenamt auszubauen und sich selbst zu entlasten?

Da sind viele Kinder von Vereinsmitgliedern, die sich engagieren könnten. Doch sie tun es nicht, weil sie ohnehin genug Probleme haben oder nichts mit dem Verein zu tun haben wollen. Anderen Leuten sind die NS-Opfer schlichtweg egal. Im April 2009 waren Tatjana Romanenko und ich in Berlin auf einer Tagung der Stiftung EVZ zum Thema "Heute Zeitzeuge. Morgen Pflegefall?" Dort bekamen wir die Anregung, Sommercamps für Jugendliche zu organisieren oder mit internationalen Freiwilligen zu arbeiten. Wie aber sollen wir das zusätzlich leisten? Außerdem kostet das viel Geld.

 

Natürlich könnten wir noch mehr Angebote gestalten und neue Mitglieder aufnehmen, allerdings reichen dafür unsere finanziellen Mittel nicht aus. Auch Ehrenamtliche sind schwer zu finden. Mittlerweile müssen schon unsere erwachsenen Töchter mithelfen, denn zu dritt können wir die ganze Arbeit jetzt schon kaum leisten. Aber wir haben Hoffnung geschöpft. Auf der Konferenz haben wir zum ersten Mal etwas von Supervision erfahren und die Stiftung erwägt, eine Fortbildung in der Ukraine oder auf der Krim zu organisieren. Das würde uns schon helfen.