Simferopol / Krim: Ein Haus der Hoffnung

Auf der ukrainischen Halbinsel Krim betreiben engagierte alte Menschen, die einst nationalsozialistisches Unrecht erdulden mussten, zusammen mit ihren Kinder ein Haus der Begegnung. Neben ambulanter Pflege und praktischer Hilfe im Alltag setzt der Verein auf gesellschaftliches Miteinander und ehrenamtliches Engagement. Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" unterstützt das Projekt.

Swetlana Gassan, Vorstandsmitglied des Simferopoler Vereins ehemaliger Zwangsarbeiter bei einem Hausbesuch im Raum Bachtschissaraj

EIN HAUS MIT HERZ UND SEELE

"Haus Hoffnung" haben die alten Menschen ihr Vereinszentrum genannt, ein kleines Häuschen im Herzen von Simferopol mit Küche, Bad und Büro, Lagerraum für Hilfsgüter, Garage und einem Schatten spendenden Garten - alles gut erreichbar mit öffentlichem Nahverkehr. Es ist Dienstagvormittag und die Eingangstür steht nicht still. Die "Babuschkas" strömen herein, lauter betagte Frauen mit faltigen Gesichtern, gebeugten Rücken und schwerem Gang. Manche tragen Kopftücher, einige gehen an Stöcken, alle strahlen. Einige Männer sind auch dabei. "Schön, dich zu sehen", begrüßen sie sich. "Wie geht es dir?" "Was machen die Urenkel?" Sie blicken sich tief in die Augen, umarmen sich, verteilen Küsschen.

 

"Wir alle haben wieder Hoffnung gefasst", erklärt Maria Frolowa, "daher der Name unseres Hauses." Die Vorsitzende der "Simferopoler Städtischen Organisation der invaliden KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter" sitzt an ihrem Schreibtisch. Sie bedient das Telefon und begrüßt jeden Gast persönlich. Maria Frolowa ist 87 Jahre alt und steckt voller Energie. Sie ist die Seele des Vereins, kennt jedes Mitglied, hält Kontakte zu Behörden und Politikern, demonstriert gegen Neonazis und NATO und besucht als Zeitzeugin Schulen und öffentliche Veranstaltungen. "Wir müssen über unsere Geschichte sprechen", sagt sie. "Wenn wir einmal sterben, erinnert sich niemand mehr daran."

 

SCHICKSALE ZWISCHEN DEPORTATION, ZWANGSARBEIT UND KZ-HAFT

Maria Frolowa wurde wie die meisten der 176 Vereinsmitglieder als junger Mensch nach Deutschland verschleppt, zur Zwangsarbeit eingesetzt, misshandelt, gedemütigt und erniedrigt. Sie kam ins KZ und erlitt Folter, Hunger und Todesangst. Zwischen Mai 1942 und Oktober 1943 wurden allein aus den Ortschaften der Krim rund 42.000 Menschen als sogenannte "Ostarbeiter" nach Deutschland deportiert. Zehntausende blieben vor Ort und schufteten unter Zwang auf von Deutschen betriebenen Tabakplantagen und in der Landwirtschaft.

 

Noch heute leben auf der ukrainischen Halbinsel etwa 15.000 Männer und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg verschleppt und ausgebeutet wurden. Nach 1945 wurden sie von den Behörden als Vaterlandsverräter gebrandmarkt und so ein zweites Mal zu Opfern der Verfolgung. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten diese Menschen über ihr Schicksal sprechen, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung befürchten zu müssen. Es bedurfte jedoch erst der Initiative des "Fürstenberger Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück", bevor sich die ehemaligen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter organisierten.

 

Bei seiner Gründung im Jahr 1998 hatte der Simferopoler Verein noch weit über 200 Mitglieder. Inzwischen sind viele gestorben. Die meisten der 176 Überlebenden sind alt und gebrechlich, ein großer Teil kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ihr Alltag ist bestimmt von Schmerzen, Armut, Vernachlässigung und Einsamkeit. Die regelmäßigen Hausbesuche von ehrenamtlich tätigen jüngeren Frauen, die der Verein organisiert, bedeuten für sie Abwechslung und Zuwendung.

 

EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT GEGEN ARMUT UND VERNACHLÄSSIGUNG

Innerhalb von zehn Jahren hat die Simferopoler Initiative ein Netzwerk von freiwilligen Koordinatorinnen aufgebaut, das sich über die ganze Insel erstreckt. So können alle Mitglieder besucht und gegebenenfalls gepflegt werden. Die Hauptarbeit leisten jedoch Tatjana Romanenko, Ljudmila Ryschowa und Swetlana Gassan im "Haus Hoffnung". Als Töchter von verstorbenen KZ-Häftlingen fühlen sie sich verantwortlich für ihre "Babuschkas". Sie machen Hausbesuche, erledigen Büroarbeiten, waschen die Wäsche der Bettlägerigen, empfangen die Mitglieder im Vereinshaus, richten Geburtstagsfeiern aus und leisten auch Sterbebegleitung. Zwei Mal im Jahr verteilen sie Hilfsgüter, alle drei Monate Lebensmittelpakete.

 

Finanzielle und materielle Unterstützung erhalten sie dabei neben anderen deutschen Partnern vor allem von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" in Berlin, die den Verein seit April 2007 im Rahmen ihres Programms "Internationale Partnerschaften der Altenhilfe" fördert. Die Stiftung engagiert sich unter anderem für eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation von ehemaligen Zwangarbeitern in Mittel- und Osteuropa und betrachtet das Projekt in diesem Zusammenhang als modellhaft. Bis 2010 sollen den lokalen Trägern deshalb rund 16.500 Euro zufließen.

 

Dienstags erwacht das Vereinshaus zum Leben. Jeder, der gehen kann, kommt und bringt eine Kleinigkeit mit. Bei Tee und Keksen, frisch geerntetem Obst oder selbstgebranntem Wodka reden die alten Frauen und Männer durcheinander, während Swetlana Gassan reihum den Blutdruck misst. Die Koordinatorinnen berichten von den neuesten Ereignissen in ihrem Gebiet, Maria Frolowa plant eine Stadtbesichtigung oder einen Theaterbesuch. "Unser Schicksal schweißt uns zusammen", sagt sie. "Wir geben uns gegenseitig Kraft."

 

Constanze Bandowski