Die heutige Lage der NS-Opfer

VERGANGENHEIT, DIE NICHT VERGEHT

Für die meisten Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben und die trotz allem überlebten, war es nach 1945 nicht möglich, in ihr altes Leben zurückzukehren. Viele ehemalige NS-Zwangsarbeiter, die aus ihrer Heimat verschleppt worden waren, ehemalige Kriegsgefangene und die wenigen Menschen, die die Konzentrationslager überlebten, mussten sich mühsam eine neue Existenz aufbauen. Ihre gesamten Lebenswege wurden von den bitteren Erfahrungen dieser Jahre überschattet und verändert. NS-Opfer aus der ehemaligen Sowjetunion erlebten nach der Rückkehr in ihre Heimat nicht selten erneute Verfolgung und Repression.

Bis heute, sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, leiden viele Opfer des NS-Regimes noch immer an den Folgen von Misshandlungen und Folter. Zudem steht am Ende ihrer schweren Leben oft große Armut. Insbesondere in Mittel- und Osteuropa, aber auch in Israel, fehlen den Menschen die Mittel für eine gesundheitliche Betreuung oder häusliche Hilfe. Viele berichten von Traumatisierungen und sozialer Isolation.

Hinzu kommt, dass das soziale Netz von Verwandten und Freunden, das in der Shoah nahezu vollständig zerrissen wurde, später kaum neu geknüpft werden konnte. Viele der Überlebenden heirateten nicht mehr und ein Großteil der Frauen blieb kinderlos. Aufgrund der niedrigeren Lebenserwartung von Männern sind heute mehr als 70 Prozent der Überlebenden allein stehende Frauen.

ÜBER 18 MILLIONEN NS-ZWANGARBEITER

Zwischen 1939 und 1945 mussten in Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten schätzungsweise über 18 Millionen Menschen unfreiwillig Arbeit verrichten, unter Androhung von Strafen bis zu Gewalt und Tod - Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zivilisten der besetzten Gebiete.

Vor allem in Osteuropa wurden Menschen in Razzien zusammengetrieben und in Zwangsarbeiterlager verschleppt, darunter auch viele Jugendliche und Kinder. In den Zwangsabreiterlagern, oft Barackenlager, die von Stacheldraht eingezäunt waren, hausten sie unter notdürftigen Bedingungen.

Zwangsarbeiter aus Osteuropa wurden von den Nationalsozialisten mit dem „Ostarbeitererlass“ weitgehend entrechtet, bei Zuwiderhandlungen drohten Gewalt und teilweise die Todesstrafe. Das galt auch für sowjetische Kriegsgefangene in den Internierungslagern, wo sie zu Schwerstarbeit gezwungen wurden.

Die Zwangsarbeiter sollten fehlende deutsche Arbeitskräfte ersetzen. Sie wurden zu Arbeiten in der Landwirtschaft, auf dem Bau, in der Industrie und in der Verwaltung eingesetzt. Insbesondere die Rüstungsindustrie bediente sich ihrer, um die Kriegsproduktion aufrecht zu erhalten. Aber auch öffentliche Institutionen und Privatpersonen konnten Zwangsarbeiter zur Unterstützung anfordern. Für sie galt kein Arbeitsschutz, sie mussten schwere Arbeiten verrichten und waren den Bombardierungen und Angriffen schutzlos ausgesetzt.

JÜDISCHE NS-OPFER IN MITTEL- UND OSTEUROPA

Vor dem Holocaust lebten mehr als fünf Millionen Juden in Zentral- und Osteuropa. Nur ein kleiner Teil davon überlebte den Zweiten Weltkrieg, wenige kehrten nach Kriegsende in ihre Heimatländer zurück. Die meisten der überlebenden Juden emigrierten nach Israel oder in die USA. In der Sowjetunion überlebten Hunderttausende den Krieg – sie überlebten im Versteck, als Soldaten oder Partisanen oder sie konnten sich rechtzeitig in das Hinterland retten.

Während der Zeit des Stalinismus mussten viele von ihnen ihre jüdische Identität aus Angst vor Diskriminierung unterdrücken. In den ehemals kommunistischen Ländern wurde die Judenverfolgung während des Nationalsozialismus zudem lange Zeit nahezu ignoriert, jüdische Kulturstätten verfielen. Die Leidenswege dieser Menschen wurden nicht anerkannt. Antisemitische Einstellungen sind bis heute weit verbreitet.

Das deutsche Bundesentschädigungsgesetz galt in der Zeit des Kalten Krieges nicht für Opfer in Mittel- und Osteuropa, erst nach 1989 schloss die Bundesregierung mit den ehemals kommunistischen Ländern bilaterale Verträge ab. So konnte den KZ- und Ghetto-Überlebenden beispielsweise in Polen, der Ukraine oder in Russland erst mehr als 40 Jahre nach Kriegsende eine Anerkennung zuteil werden.

JÜDISCHE NS-ÜBERLEBENDE IN ISRAEL

Nicht nur Osteuropa, sondern auch in den USA, Deutschland und Israel leben jüdische NS-Überlebende in Armut. Nach Angaben der israelischen „Foundation for the Benefit of Holocaust Victims“ können rund 45.000 der etwa 190.000 Holocaust-Überlebenden als arm bezeichnet werden. Mehr als zwei Drittel haben gesundheitliche Einschränkungen, etwa 45 Prozent leiden unter Vereinsamung. In den USA gilt Studien zufolge jeder vierte Überlebende als arm – trotz der Hilfen jüdischer Organisationen.

EHEMALIGE SOWJETISCHE KRIEGSGEFANGENE

Die rund 1,5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die von den Nationalsozialisten zur Arbeit gezwungen wurden, wurden nach ihrer Rückkehr in die Heimat nicht als Opfer angesehen, sondern standen im Verdacht, mit dem Feind kollaboriert zu haben. Nicht wenige mussten in den Gulags erneut Zwangsarbeit leisten. Jahrzehntelang stigmatisierte die sowjetische Gesellschaft diese Opfer, sie galten als potenzielle Verräter und Spione.

Erst in den 90er Jahren setzte ein Umdenken ein, inzwischen erhalten auch sie in den meisten postsowjetischen Ländern in geringem Umfang zusätzliche Leistungen in Form von Sozial- und Rentenzuschlägen. Abgesehen davon, dass diese Hilfe für viele bereits zu spät kam, sind die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen bis heute anderen Kriegsveteranen materiell und moralisch nicht gleichgestellt.

Die Bundesregierung hat ihrerseits im deutschen Entschädigungsgesetz festgelegt, dass der rechtliche Status, nicht aber die Schwere des Erlittenen, Grundlage der Ansprüche ist. Daher wurde strikt zwischen zivilrechtlichen Schäden einerseits und Ansprüchen aus dem Reparationsrecht andererseits unterschieden. In Folge wurden laut Stiftungsgesetz der Stiftung EVZ ehemalige sowjetische Kriegsgefangene von den Zahlungen ausgeschlossen, rund 20.000 eingereichte Anträge mussten abgelehnt werden.

 

SINTI UND ROMA

2006 schätzte die Internationale Organisation für Migration (IOM) die Zahl der NS-Opfer unter den Sinti und Roma in Ost- und Mitteleuropa auf rund 140.000. Die meisten von ihnen befinden sich in finanzieller Notlage, sie sind dringend auf externe Hilfe angewiesen.

Es ist eine große Herausforderungen, beispielsweise für Hilfsorganisationen, die NS-Opfer in den Roma-Communities zu identifizieren. Viele sind Analphabeten, der bürokratische Aufwand eines Hilfsantrags stellt eine fast unüberwindbare Hürde dar.

Das Leid der Roma im Nationalsozialismus ist bis heute nicht umfassend aufgearbeitet und dokumentiert. Den Opfern fehlt damit eine entscheidende Grundlage der gesellschaftlichen Anerkennung. Bis in die Gegenwart sind viele Roma in ihren Heimatländern zudem einer starken Diskriminierung ausgesetzt.

 

Viele ehemalige NS-Opfer leben heute in prekären ökonomischen Verhältnissen, ihre teilweise existenzielle Not muss gelindert werden. Doch nicht nur die finanzielle Seite, sondern auch die Erinnerung an das erfahrende Leid macht vielen Opfern des Nationalsozialismus zu schaffen: Das Alter bildet nicht nur den Lebensabschnitt, in dem sich körperliche Gebrechen verstärkt bemerkbar machen, es ist auch die Zeit, in der Erlebtes wieder an die Oberfläche kommt. Traumatisierende Ereignisse, welche oft jahrzehntelang verdrängt wurden, werden innerlich wieder durchlitten. Gerade in solchen Fällen ist eine professionelle psychologische Betreuung nötig, jedoch fehlen meist entsprechende Angebote – besonders in der Altenpflege.

 

Besonders in Mittel- und Osteuropa sollten Projekte zur Selbsthilfe und gesellschaftlichen Teilhabe, der Aufbau von häuslichen Betreuungs- und Behandlungsangeboten sowie der Zugang zu einer medikamentösen Versorgung weiter unterstützt werden. Dies ist aber nur dann möglich, wenn auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene ein Bewusstsein für das Schicksal der ehemaligen NS-Verfolgten gefördert wird. Die Hilfezahlungen der Stiftung EVZ und anderen Institutionen sind dabei ein wichtiger Schritt.

 

Eine spürbare Verbesserung der Lage der NS-Opfer heute braucht aber auch die besondere Unterstützung der Länder, in denen die Menschen heute leben. Auf der Konferenz „Holocaust Era Assets“ in Prag im Jahr 2009 haben 49 Staaten die „Terezin-Declaration“ unterzeichnet, in der die Verantwortung gegenüber den Überlebenden in besonderer Weise betont wird. Auf einer Folgekonferenz im Mai 2015 diskutierten Vertreter der Unterzeichnerstaaten und zivilgesellschaftlicher Organisationen weiter über die Frage, wie den Opfern des Nationalsozialismus ein Altern in Würde ermöglicht werden kann.