Jugend erinnert

Die Aufarbeitung der NS-Gewaltherrschaft und die Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie sind wichtige Grundlagen unserer Demokratie und freiheitlichen Gesellschaft. Mit dem Bundesprogramm JUGEND erinnert sollen Gedenkeinrichtungen und die Erinnerung an das NS-Unrecht stärker gefördert und mehr jungen Menschen die Auseinandersetzung mit Geschichte ermöglicht werden. Die Stiftung EVZ führt international ausgerichtete Teile des Bundesprogramms JUGEND erinnert mit Mitteln des Auswärtigen Amtes durch.

Internationale Jugendbegegnungen leisten einen unschätzbaren Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. Sie bieten die Gelegenheit zum Perspektivwechsel, fördern Empathie und Dialogfähigkeit, soziale Teilhabe und gesellschaftliches Engagement. Ausgehend von diesen Prämissen stehen transnationales Lernen an historischen Orten der NS-Verfolgung und –Vernichtung sowie Multiperspektivität als Voraussetzungen für die Ausgestaltung einer europäischen Erinnerungskultur im Mittelpunkt des Programmes JUGEND erinnert international.

 

 

Was ist das Programm Jugend erinnert?

Welche Förderlinien gibt es?

Das Förderprogramm JUGEND erinnert besteht aus drei Förderlinien:

 

1. Bi- und multilaterale Jugendbegegnungen an historischen Orten der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung
 

Mit der Förderung internationaler Begegnungen von jungen Menschen zielt das Programm auf die Stärkung faktischen Wissens um Ursachen, Entwicklungen und Dimensionen nationalsozialistischer Verbrechen. Durch persönliche Begegnungen an historischen Orten und die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Ereignissen und Erfahrungen möchte die Stiftung EVZ auch dazu beitragen, den europäischen Gedanken zu stärken. Die Entwicklung und Erprobung von neuen Methoden und Formaten für Begegnungen von jungen Menschen steht im Mittelpunkt dieser Förderlinie. Die Relevanz von Geschichte und Geschichtsbewusstsein und der Bezug zur Lebenswelt junger Menschen nimmt in den Projekten eine zentrale Rolle ein.

 

2. Internationaler Fachaustausch
 

Internationale Begegnungen an authentischen Orten nationalsozialistischer Verfolgung ermöglichen in spezifischer und nachhaltiger Weise historisches, interkulturelles und gegenwartsbezogenes Lernen. Sie stellen aber auch eine besondere Herausforderung für Lehrkräfte und Pädagog*innen aus dem formalen und non-formalen Bildungsbereich dar. Daher entwickeln die geförderten Projekte modellhaft innovative (auch digitale oder hybride) Methoden und Formate der politisch-historischen Bildung in internationalen Kontexten mit niedrigschwelligen, diskriminierungsarmen und lebensweltlichen Ansätzen. In diesem Kontext werden auch Partizipation und Zugangsgerechtigkeit als zentrale Herausforderungen in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft adressiert.

 

3. Digitale Formate der Vermittlung

 

Wissens- und Informationsvermittlung und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus finden heute zunehmend über digitale Formate und Kanäle statt. In der Förderlinie „Digitale Formate“ entstehen dementsprechend Blended Learning-Konzepte für internationalen Austausch, virtuelle Angebote für konkrete Gedenkorte, (Prototypen von) Serious Games, Apps und Tools, die digitale Methoden mit der Authentizität von Orten und historischen Erfahrungen verbinden. Die entstehenden Anwendungen bieten individuelle und niedrigschwellige, teils spielerische bzw. kreative Zugänge zum Thema NS-Geschichte und Holocaust. Auch dabei sind Partizipation und Zielgruppenorientierung die Leitlinien des Programms. So stärkt die Stiftung EVZ stärkt Lösungsansätze zu Bildungsherausforderungen im digitalen Zeitalter und ermöglicht die Implementierung, Erprobung, Evaluation und die Weiterentwicklung digitaler Formate einer Kultur der Erinnerung in einem europäischen Maßstab.

Geförderte Projekte (Auswahl)

Träger und Teilnehmende der insgesamt 25 geförderten Projekte kommen aus mehr als 15 Ländern. Mit dieser einzigartigen geographischen Bandbreite korrespondiert eine große Vielfalt der historischen Orte, an und zu denen inhaltlich gearbeitet wird – dazu gehören Konzentrations- und Vernichtungslager, Orte von Massenerschießungen, jüdische Ghettos, zerstörte Synagogen etc. Der Zielsetzung des Programms entsprechend kommen so auch bisher nahezu unbekannte, teils kaum erschlossene Gedenkorte und damit auch wenig beachtete Opfergruppen der NS-Verfolgung wie Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen und Opfer von NS-„Euthanasie“-Morden in den Blick – und das weit über Deutschland hinaus.

 

FÖRDERLINIE 1

„Code Viking 1942-2021“
Vajswerk e.V. Recherchetheater Berlin, Deutschland
Narvik War and Peace Center, Narvik, Norwegen
Center for Public History Belgrad, Serbien
Auf einer auf einer Bahnreise von Narvik über Berlin nach Belgrad arbeiten Jugendliche die Geschichte von Sammel-, Arbeits- und Todeslagern in Norwegen, Deutschland und Serbien interdisziplinär und künstlerisch auf. Das Jugendrechercheprojekt ist dem Ansatz der „Zweitzeugenschaft“ verpflichtet und macht insbesondere die europäische Dimension der NS-Verfolgung sichtbar.

 

„Mazewa – Mapping Jewish life and death in the Zittau region“
Hillersche Villa gGmbH Großhennersdorf, Deutschland
Jüdische Gemeinde Liberec, Tschechische Republik
Im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck setzen sich Jugendliche mit der jüdischen Geschichte in der Region auseinander. Sie rekonstruieren Spuren jüdischen Lebens auch vor 1933, holen den Jüdischen Friedhof in Zittau ins Bewusstsein der (lokalen) Bevölkerung zurück und machen ihn als digitalen Gedenkort international zugänglich.


„Keep the memory alive“

Max-Windmüller-Gymnasium Emden, Deutschland
Nadav Democratic School Modi'in, Israel
Bei zwei partizipativ organisierten Begegnungen erarbeiten deutsche und israelische Schüler*innen Konzepte und Strategien für eine zukünftige Erinnerungskultur nach der Zeit der letzten Zeitzeug*innen. Durch die Einbindung von (Nachkommen von) Überlebenden gewinnt das Projekt eine wegweisende intergenerationelle Dimension.

FÖRDERLINIE 2

„From History to Modern Society – Teachers to Youth“
Ghetto Fighters‘ House, D.N. Galil Maaravi, Israel
KZ-Gedenkstätte Dachau, Dachau, Deutschland
Lehrkräfte aus Deutschland und Israel diskutieren und entwickeln Instrumente, Konzepte und Methoden für die Arbeit mit kulturell heterogenen Jugendgruppen an historischen Orten und im (Geschichts-)Unterricht. Im Projekt entstehen eine digitale Plattform und virtuelle interaktive Touren. Der Ansatz zeichnet sich durch einen starken Gegenwartsbezug zu Themen wie Demokratie, Menschenrechte, Diskriminierung und Rassismus aus.

 

„Educating youth on forced labor during the Third Reich: A European discussion“
Memorial de l'internement et de la déportation Camp de Royallieu, Compiégne, Frankreich
Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge, Halberstadt, Deutschland
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin, Deutschland
Zwangsarbeiter*innen sind bisher eine weniger beachtete Opfergruppe des NS. Gemeinsam erarbeiten Pädagog*innen aus der formalen und non-formalen Bildung neue –auch digitale oder hybride – Ansätze, Methoden und Materialien zum Thema "NS-Zwangsarbeit" für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Die Projektergebnisse fließen direkt in die pädagogischen Angebote der beteiligten Gedenkstätten ein.


„Living Memorials“

Mediel asbl, Wavre, Belgien
Jewish Resistance Museum, Novogrudok, Belarus
Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin, Deutschland

Anhand zweier ganz unterschiedlicher historischer Orte – dem Haus der Wannseekonferenz in Berlin und dem Lager der Bielski-Partisanen im Naliboki-Wald bei Novogrudok in Belarus – wird das performative, partizipative Konzept eines „lebendigen Denkmals“ entwickelt und diskutiert, das auch in anderen Museen und Gedenkstätten sowie bei internationalen Jugendbegegnungen eingesetzt werden kann.

FÖRDERLINIE 3

„Virtueller Rundgang zur multiperspektivischen Erschließung des Gedenkortes Malyi Trostenez“
Internationales Bildungs- und Begegnungswerk „Johannes Rau“, Minsk, Belarus
Universität Osnabrück, Deutschland
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Wien, Österreich
Studierende aus Minsk, Osnabrück und Wien erarbeiten mit Unterstützung von Fachleuten einen virtuellen Rundgang durch die Gedenkanlage Trostenez bei Minsk in Belarus. Durch die App können sich junge Menschen die Geschichte des Gedenk- und Vernichtungsorts selbständig erschließen. Dem transnationalen Lernen und der Multiperspektivität verpflichtet werden hier wichtige geschichtsdidaktische Zugänge und digitale Formate entwickelt, die das Potenzial haben, Bezüge zur Lebenswelt junger Erwachsener herzustellen.


„Ester – educational graphic novels about Nazi persecution“
Terraforming South, Novi Sad, Serbien
Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e.V., Berlin, Deutschland
In Serbien wird ein Meta-Tool für die Erstellung von Graphic Novels entwickelt, das prinzipiell an jedem historischen Ort der NS-Verfolgung für die biographische Arbeit an Einzelschicksalen eingesetzt werden kann. Das Medium der digitalen Graphic Novel steht beispielhaft für einen modernen Ansatz in der (internationalen) (Jugend-)Bildungsarbeit, der sprachreduziert und damit niedrigschwellig eine emotional-kreative Auseinandersetzung ermöglicht und dadurch selbstgesteuerte Lernprozesse befördert.

 

„Serious Role Play November 1939“
Living Memory, Prag, Tschechische Republik
Charles Games Prag, Tschechische Republik
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Deutschland
Eine internationale Kooperation von Bildungsorganisationen und Akteuren aus der digitalen Gesellschaft im Civic Tech Bereich entwickelt ein Serious Game als Rollenspiel zum Thema der Studierenden-Proteste im Protektorat Böhmen und Mähren im November 1939. Das Spiel arbeitet mit historisch-archivalischen Materialien wie Video-Interviews und einem biografisch-familiengeschichtlichen Ansatz und befördert bei den Spieler*innen eine klare Positionierung, sich gegen Mechanismen der Ausgrenzung von Minderheiten zu stellen.

Am 11. Dezember fand der virtuelle Projektauftakt der Förderlinie „Internationale Jugendbegegnungen“ mit einem YouTube-Live mit jungen, internationalen Teilnehmenden von JUGEND erinnert statt.
zum YouTube-Live

Kontakt

Saskia Herklotz

Projektkoordination

jugenderinnert(at)stiftung-evz.de

 

Helge Theil

Projektkoordination

jugenderinnert(at)stiftung-evz.de