Stuart E. Eizenstat

Stuart E. Eizenstat

Anlässlich des 10. Jahrestages der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” (EVZ) ist es für mich eine große Ehre, die historische Leistung zu würdigen, die uns zu diesem wichtigen Meilenstein gebracht hat. Bereits vor dem Abschluss unserer Vereinbarung mit der deutschen Industrie und der deutschen Regierung im Jahr 2000 hatten sich die deutsche Bevölkerung und die deutsche Regierung 50 Jahre lang bemüht, den Überlebenden des Holocaust und ihren Familien ein gewisses Maß an Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In der Geschichte der Menschheit hat kein Land nach einem Krieg jemals eine Verpflichtung dieser Größenordnung übernommen.

Die Vereinbarung, die ich im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten mit dem persönlichen Vertreter von Bundeskanzler Schröder - dem kürzlich verstorbenen, großartigen Otto Graf Lambsdorff - und der deutschen Industrie - trefflich vertreten durch Dr. Manfred Gentz - schloss, schrieb ein weiteres wichtiges Kapitel in der bemerkenswerten Geschichte Nachkriegsdeutschlands: Erstmals leisteten Unternehmen, deren Vorgängergesellschaften im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Juden und anderen Opfern eine direkte oder indirekte Rolle gespielt hatten, sowie viele andere Firmen, die nicht für den Holocaust verantwortlich waren, einen Beitrag, um den jüdischen und nichtjüdischen Opfern zu helfen.

Kein Land ist in der Geschichte jemals im Ergebnis eines Krieges eine solche umfangreiche Verpflichtung eingegangen. (...) Der Kompromiss, den wir erreicht haben, konnte zu Gerechtigkeit beitragen und zugleich der deutschen Wirtschaft Rechtsfrieden zusichern.

Aufgrund des erreichten Kompromisses konnten wir einerseits ein Stück Gerechtigkeit schaffen und andererseits der deutschen Industrie Rechtssicherheit bieten. Die Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter im Nationalsozialismus wurden 2007 abgeschlossen. Dabei wurden insgesamt 4,4 Milliarden Euro an 1,66 Millionen Menschen in fast 100 Ländern ausgezahlt.

Bereits zu Beginn der Verhandlungen bestand die deutsche Industrie darauf, einen erheblichen Betrag der schließlich vereinbarten Vertragssumme von 100 Milliarden DM für einen Zukunftsfonds bereitzustellen, um es zukünftigen Generationen zu ermöglichen, den Holocaust und die daraus folgenden Lehren für die Verhinderung von Völkermord und den Schutz der Menschenrechte zu reflektieren. Anfangs hatten viele – einschließlich meiner Person – Bedenken, Gelder abzuzweigen, die ansonsten den Opfern und ihren Familien zugutegekommen wären. Die Einschätzung der deutschen Industrie erwies sich jedoch als richtig. Durch die schwerpunktmäßige Förderung von internationalen Projekten zur Aufarbeitung der Geschichte, zum Schutz der Menschenrechte und zum Engagement für die Opfer des Nationalsozialismus wird die Stiftung zukünftigen Generationen weiterhin lehrreiche Denkanstöße bieten. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Stiftung angesichts des hohen Alters der Opfer des Holocaust und der anderen Opfer des Nationalsozialismus in den nächsten Jahren großen Wert darauf legt, dass diejenigen, die als ehemalige Zwangsarbeiter so großes Leid erfahren haben, ihren Lebensabend nicht in Armut und Entbehrung verbringen müssen. Die von der Stiftung geförderten Projekte sollten sich vor allem auf diese Gruppe von Menschen in der letzten Phase ihres Lebens konzentrieren.

Ich wünsche der Stiftung und ihren ehrenwerten Führungsgremien weiterhin viel Erfolg. Sie geben der Welt ein Beispiel dafür, wie ein Land die Vergangenheit bewältigen und eine führende Rolle für die Zukunft spielen kann.

Stuart E. Eizenstat ist ehemaliger Botschafter der USA und war maßgeblich an der Enstehung des Abkommens über die Entschädigung der NS-Opfer von Zwangsarbeit beteiligt.

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