Herr Teupen, die Stiftung EVZ hat an über 1,6 Mio. Menschen in 98 Länder insgesamt 4,37 Milliarden Euro ausgezahlt. Wie zufrieden macht Sie, der sich täglich mit der Not der ehemaligen NS-Verfolgten auseinandersetzt, dieses Ergebnis?
Teupen: Ich denke, dass die Stiftung, von der Definition ihres Auftrages her, hervorragende Arbeit geleistet hat. Allerdings muss man sehen, dass der Auftrag auch sehr eng gefasst war. Es gibt beim Thema NS-Verfolgung noch viele ungelöste Aufgaben. Ich denke da zum Beispiel an die italienischen Militärinternierten. Rund 600.000 Militärinternierte wurden in die Lager im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit eingesetzt. Aufgrund eines fragwürdigen Gutachtens der Bundesregierung sind die Italiener von der Entschädigung ausgeschlossen worden. Das war nicht rechtens. Uns liegen hier noch 70.000 Anträge vor, die möglicherweise nicht alle, aber zu einem guten Teil, berechtigt wären, Entschädigung zu erhalten.
Ein andere Baustelle sind die monatlichen Zahlungen aus dem Mittel- und Osteuropafonds, CEEF. Hier ist es immer noch so, dass die Menschen aus Osteuropa wesentlich geringere Zuwendungen kriegen, als in Westeuropa, obwohl sie die Hilfe oft sehr viel nötiger haben. Aber bei diesen Themen ist vor allem die Jewish Claims Conference gefragt, die ihre Interessen von allen Stiftungen in diesem Bereich sicherlich am weitesten und effektivsten nach vorne bringen kann.
Wenn Sie die heutige Situation der ehemaligen Zwangsarbeiter vergleichen: Wo wird die meiste Hilfe gebraucht?
In Osteuropa ist die Not sicherlich am größten, da herrscht ziemliches Elend. Wenn Sie sich beispielsweise die Lage in Minsk anschauen, fällt einem nicht mehr viel dazu ein. In Tschechien und Polen sehe ich nicht so viele Probleme, aber wenn man sich geografisch weiter weg bewegt, ist das Geld oft nicht angekommen. Da hat die Stiftung EVZ aber gute Kontrollmechanismen eingeführt, die wir in einigen Fällen auch erfolgreich in Anspruch genommen haben.
Und wie ist die Lage in Deutschland, Israel und den USA?
Viele denken, dass es den Menschen in diesen vergleichsweise wohlhabenden Ländern gut geht, aber auch hier gibt es Armut. So hat Israel viele russische Zuwanderer, die wurzellos und ohne Ansprechpartner leben. Und auch in den USA und hier, vor unserer Haustür, in Deutschland gibt es NS-Opfer, denen es schlecht geht.
In Deutschland gibt es beispielsweise bei den russischen Kontingentflüchtlingen oder auch im Bereich Sinti/Roma Probleme. Dort sind ein Teil der ehemaligen NS-Verfolgten von Sozialhilfe abhängig oder erhalten lediglich eine Grundsicherung. Da sieht man echte Not.
Viele der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Zwangsarbeit haben kaum über das Erlebte gesprochen. Wie wichtig ist es, das Erlebte mitzuteilen und in den Dialog mit den nachfolgenden Generationen zu treten?
Wahnsinnig wichtig. Wir betreiben hier in Köln ein Erzähl- und Begegnungscafé. Diese funktioniert in zwei Stufen. Da ist zunächst der Closed Shop, wo sich ausschließlich NS-Verfolgte treffen. Das Café bietet ihnen einen Schutzraum und verhindert den „Zoo-Effekt“.
Bei uns treffen sich dabei nicht nur jüdische NS-Verfolgte, sondern auch Sinti & Roma, Homosexuelle oder wegen ihrer Religionszugehörigkeit Verfolgte. Das Café leistet da integrative Arbeit, weil es manchmal zu einer Konkurrenz unter den Gruppen kommt – im Sinne von: „Wer hat am meisten gelitten?“ Hier ist der Austausch sehr wichtig.
Und die zweite Stufe?
Die zweite Stufe ist das offene Erzählcafé. Hier werden auch Schulklassen eingeladen. Wir finden es wichtig, dass die Jugend die Geschichten der NS-Verfolgten hören. Präventive Arbeit ist wichtig, um vielleicht einige Ideen in den Köpfen zu revidieren. Auch für die Verfolgten ist wichtig zu wissen: Ich trage dazu bei, dass so was nicht noch mal passiert. Wir gehen auch in die Schulen. Da braucht es oft erst eine Weile, bis das Eis mit den Jugendlichen gebrochen ist, aber dann entspinnt sich meist ein lebhafter Dialog. Ich halte das für effizienter, als alle Filme, die zu diesem Thema gezeigt werden.
Wie bestimmend sind die Traumatisierungen und Erinnerungen mehr als 60 Jahre nach Kriegsende noch für das tägliche Leben ehemaliger Zwangsarbeiter?
Zunehmend! Wie man ja weiß, werden die Erinnerungen stärker im Alter. Das führt dazu, dass die NS-Verfolgten, die mittlerweile um die 80 Jahre alt sind, oft retraumatisiert werden. Nach dem Krieg waren sie mit Familie und Beruf beschäftigt. Jetzt sind oft die Kinder aus dem Haus und der Partner verstorben, da kommt das Erlebte wieder hoch. Da müsste man dringend etwas tun, leider ist Hilfe aber meist mit Kosten verbunden.
Was müsste Ihrer Ansicht gemacht werden? Was für Auswirkungen haben die Retraumatisierungen beispielsweise auf die Altenpflege?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn gerade in der Altenpflege muss man ein besonderes Augenmerk auf die Retraumatisierungen werfen. So kenne ich einen Fall, wo eine alte Dame immer von ihrer Zelle und nicht von ihrem Zimmer redet. Sie hält den Pfleger für ihren Wärter. Da muss man die Pfleger sensibilisieren, denn Sätze wie "Kommen Sie jetzt mal mit mir zum Duschen" können in einer solchen Situation verheerend sein. Auch die Körperhygiene ist ein schwieriger Punkt: Ist es an sich schon unvertretbar, dass ältere Damen von männlichen Pflegern ausgezogen und gewaschen werden, ist es für NS-Verfolgte noch zusätzlich traumatisch.
Zu diesem Thema hat der Bundesverband im vergangenen Jahr, unterstützt vom Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, BMFSFJ, eine Veranstaltungsreihe zum Thema "NS- Verfolgte in der Altenhilfe" durchgeführt. Diese Veranstaltungsreihe soll dieses Jahr fortgesetzt werden. Sie wendet sich in erster Linie an Pflegerinnen und Pfleger und Beschäftigte in der Altenhilfe und dient der Sensibilisierung der Fachkräfte für das Thema der NS-Verfolgung.
Wo sehen Sie, abgesehen von den angesprochenen Punkten, noch Handlungsbedarf?
Mir ist persönlich noch die zweite Generation sehr wichtig: Hier gibt es auch Elend. Die Kinder der NS-Verfolgten wachsen nicht in einer normalen Umgebung auf – sie wachsen mit einem großen Schweigen auf. Sprachlosigkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen. Und man muss wissen, dass Traumata vererbbar sind und in einigen Fällen ist das so stark ausgeprägt, dass therapeutische Behandlung nötig ist. Das weiß man in Israel und den USA, aber in Deutschland ist das kein Thema. Sicherlich braucht nicht jeder eine Therapie, aber wenn er sie braucht, soll er sie kriegen und das muss vom Staat auch bezahlt werden.