Interview Hamze Bytyci

Sinti und Roma müssen für sich selbst sprechen

Herr Bytyci, Sie bezeichnen sich selbst als "Berliner with Kosovarian roots who feels metropolitan, European and Roma". Wie kamen Sie nach Berlin?

1989 beschlossen meine Eltern aufgrund der Unruhen, die es im Kosovo gab, das Land zu verlassen. Ich war etwa sieben Jahre alt, als wir nach Deutschland kamen. Über verschiedene Zwischenstationen - insgesamt waren es elf - gelangten wir 1992 nach Freiburg. Ich blieb bis 2005 in Freiburg und habe auch meine Ausbildung als Schauspieler dort abgeschlossen.

Mir ist klar geworden, dass es für jugendliche Roma nicht nur wichtig ist, eine Ausbildung zu erhalten, sondern auch, sich mit der eigenen Kultur identifizieren zu können. Viele bezeichnen sich als Kosovaren, Serben oder Türken, bekennen sich aber nicht dazu, Roma zu sein. Mir ging es ebenso, bis zu meinem 12. Lebensjahr war ich für alle einfach ein Albaner. Dann habe ich mich meinen besten Freunden anvertraut, und als ich ihnen sagte, dass ich ein Rom bin, begannen sie zu lachen und antworteten: "Das wissen wir doch schon lange, aber es wird höchste Zeit, dass Du es selbst sagen kannst."

Sie arbeiten mit jugendlichen Roma. Welche Probleme sehen Sie?

Es gibt viele Stereotype und Vorurteile, mit denen die Jugendlichen in ihrem Alltag konfrontiert sind. Ein Stereotyp über Sinti und Roma ist beispielsweise das romantisierende, Tanz und Musik lägen uns im Blut, oder auch Reisen und Fernweh. Das stimmt alles nicht, es gibt viele Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten sesshaft sind. Die meisten haben dasselbe Bedürfnis wie die Mehrheitsgesellschaft: Sich einfach mit der Familie irgendwo nieder zu lassen und ein geregeltes Leben zu führen.

Wie kann man junge Sinti und Roma unterstützen, ihnen beispielsweise den Zugang zu Bildung öffnen?

Die Schule, an der ich arbeite, ist ein Förderzentrum. Normalerweise schicken Eltern ihre Kinder nicht gern auf eine Förderschule. Die meisten haben aber keine andere Wahl: Die Kinder müssen an verschiedenen Tests teilnehmen, bestehen sie nicht, dann bleibt nur die Förderschule. Den Eltern reicht es, dass ihre Kinder überhaupt in die Schule gehen. Viele der Eltern dieser Jugendlichen sind selbst Analphabeten.

Gleichzeitig besteht auf Seiten der Eltern ein gewisses, historisch gewachsenes Misstrauen, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu öffnen. Sie müssen verstehen, wie wichtig Bildung ist und dass man nicht zum Gadje wird (Gadje ist ein Nicht-Rom), nur weil man in die Schule geht.

Sie engagieren sich für die Vernetzung von Sinti und Roma in Deutschland und haben den Verein Amaro Drom gegründet. Worum geht es Ihnen dabei?

Vor allem geht es uns um Empowerment, Mobilisierung, Eigenverantwortung, Engagement, Ehrenamt. Bisher war ein starker Paternalismus gegenüber den Roma zu spüren, der diese wiederum in eine Art selbst verschuldeter Unmündigkeit brachte.

In unserer Arbeit haben wir erkannt, dass die Jugendlichen für sich selbst sprechen wollen. Wir versuchen die Roma-Jugendlichen in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken und ihnen zu sagen, dass sie ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Gesellschaft haben, auch wenn sie in Deutschland beispielsweise nicht wählen dürfen. Das versuchen wir in einer Weise, die den Jugendlichen entspricht, damit diese das Projekt weiter tragen können und wollen. Wir organisieren Veranstaltungen, Workshops, es wird eine Sommerakademie geben.

Sinti und Roma waren Opfer des Genozids im Nationalsozialismus. Warum ist es wichtig, daran zu erinnern?

Es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Normalerweise wird der Holocaust in den Geschichtsbüchern im Zusammenhang mit der Vernichtung der Juden erwähnt. Am Ende gibt es noch einen Hinweis auf die Opfer unter den Sinti und Roma, den Homosexuellen und politisch Verfolgten. Es wäre wichtig, den Jugendlichen genauer zu erklären, wer Sinti und Roma überhaupt sind. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, wenn ich an der Schule arbeite und den Jugendlichen sage: Nein, wir sind keine Zigeuner, wir sind Sinti und Roma, und das sollte man auch respektieren. Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung, und letztlich haben wir das Recht, uns so zu definieren, wie wir wollen.

In der Problematik der Rückführung der Roma stellt sich die Frage, ob Deutschland eine geschichtliche Verantwortung hat. Wir kamen nicht aus Vergnügen hierher nach Deutschland. Manche von uns sind jetzt seit 20 Jahren hier.Für mich ist Deutschland eine Heimat, ich denke, für die meisten anderen auch.

Andersherum ist es auch wichtig, dass die Roma die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft durchleuchten und auch ihre Wissenslücken schließen - nicht nur, was die NS-Zeit betrifft.

Das Interview führte Tatjana Brode.


 

Zur Person

Hamze Bytyci

Hamze Bytyci wurde am 19. Mai 1982 in Prizren (Kosovo) geboren. Seit 1989 lebt er in Deutschland. Er ist Schauspieler und Theaterpädagoge. Neben seinen Engagements in verschiedenen Filmen (u.a. „Rosas Höllenfahrt“ und „Leyla“) arbeitet er als künstlerischer Leiter an einer Schule in Berlin, die größtenteils von Roma-Kindern besucht wird. Hamze Bytyci gründete 2004 den Verein Amaro Drom, der die Vernetzung von jugendlichen Sinti und Roma durch Veranstaltungen und Projekte fördert.