Sinti und Roma leben seit rund 600 Jahren in Europa. Ursprünglich stammen sie aus Indien, das sie vor rund 1.000 Jahren verließen. Sie kamen in Gruppen über unterschiedliche Migrationsrouten, ein Teil von ihnen blieb im östlichen und südöstlichen Europa, ihre Nachfahren bezeichnen sich als Roma. Eine andere Gruppe reiste weiter nach Westeuropa, unter anderem in deutsche Gebiete, ihre Nachfahren nennen sich im deutschen Sprachraum Sinti. In Deutschland hat sich die Bezeichnung „Sinti und Roma“ für die Bevölkerungsgruppe durchgesetzt, außerhalb des deutschen Sprachraums subsumiert man oft die gesamte Ethnie unter „Roma“.
Größte Minderheit Europas
Sinti und Roma haben in keinem Land der Welt die Bevölkerungsmehrheit, sie sind jedoch zahlenmäßig die größte Minderheit Europas. Weltweit gibt es schätzungsweise 12 Millionen Sinti und Roma. In den 27 EU-Staaten leben heute etwa 8 bis 10 Millionen, drei Viertel von ihnen in Ost- bzw. Südost-Europa. Präzise demografische Daten sind jedoch schwer zu erfassen. Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil sind nur unter zehn Prozent von ihnen nicht sesshaft.
In Deutschland leben zwischen 70.000 (laut Zentralrat Deutscher Sinti und Roma) und 105.000 (laut OSCE) Sinti und Roma. In den einigen östlichen und südöstlichen EU-Mitgliedsstaaten stellen sie mit 5 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung die jeweils größte oder zweitgrößte Minderheit. In der Slowakei werden rund 10 % der Bevölkerung den Roma zugerechnet, in Bulgarien 8 %, in Rumänien 6 % und in Ungarn 5 %.
Vorurteile und Diskriminierung
Sinti und Roma sind in allen ihren Heimatländern alteingesessen, tragen zu deren Kultur bei und leben diese – in regional verschiedenen Abstufungen zwischen traditioneller Lebensweise und Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Doch die Geschichte der Sinti und Roma in Europa ist begleitet von Diskriminierung und Verfolgung. In der Zeit des NS-Regimes wurden mehrere Hunderttausend – die genaue Zahl ist unbekannt – Sinti und Roma Opfer eines Genozids, der auf Romanes Porajmos heißt.
Bis heute sind Sinti und Roma Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Eine Studie der Europäischen Grundrechteagentur (FRA) von 2009 zeigt, dass sie europaweit am stärksten von Diskriminierung betroffen sind. 47 Prozent der befragten Angehörigen dieser Gruppe berichtete, im zurückliegenden Jahr mindestens einmal Opfer von Diskriminierungen geworden zu sein. Vorurteile und antiziganistische Klischees werden bis heute verwendet, um beispielsweise Forderungen nach Ausschluss und Abschiebung zu erheben. Sinti und Roma sehen sich mit dem pauschalen Vorwurf konfrontiert, ein Volk von Bettlern, Kriminellen und Landstreichern zu sein.
Nicht nur in den einzelnen Staaten, sondern in der gesamten EU spiegeln die Lebensumstände der Sinti und Roma, wie leistungsfähig die Politik in Bezug auf Integration, Toleranz und Umsetzung der Allgemeinen Menschenrechte ist. Die Verbesserung der Lebensgrundlagen der Roma sei ein Gradmesser für den Humanismus der EU, formulierte der EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit, Vladimir Spidla. Gegenwärtig ist ihre Lage jedoch prekär.
Die EU-Länder haben 2009 ein Europäisches Forum für die Inklusion der Roma organisiert, die nationale Regierungen, die EU, internationale Organisationen und Vertreter der Roma zusammenführt. Beim ersten Treffen wurden gemeinsame Grundprinzipien erklärt. Diese sollen die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten bei Umsetzung neuer Maßnahmen zugunsten von Roma zu unterstützen. Ziel der Plattform ist, die Kooperation und den Erfahrungsaustausch hinsichtlich erfolgreicher Eingliederungsstrategien und -praktiken zu fördern.
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