Gegen Antisemitismus

Interview: Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus

Herr Demirel, Herr Niehoff, wie definieren Sie Antisemitismus?

Aycan Demirel: Der Begriff bezeichnet die Abneigung und Feindschaft gegenüber Juden als Kollektiv. Sie beinhaltet Vorurteile und Stereotypen, die auf der Zuordnung von negativen Eigenschaften zu einem als Juden bezeichneten Kollektiv beruhen. Ursachen von Problemlagen werden mit der jüdischen Identität erklärt. Antisemitismus kann politisch, sozial oder religiös motiviert sein, er kann eine Einstellung sein, sich aber auch in konkreten Handlungen niederschlagen.

Mirko Niehoff: Ergänzend dazu: Antisemitismus ist eine Ideologie, die sich - im Gegensatz zum Rassismus etwa - dadurch auszeichnet, dass dem jüdischen Kollektiv eine alles bedrohende Macht zugeschrieben wird. Den Juden wird eine Verschwörung unterstellt, die die Zersetzung von Partikulargemeinschaften zum Ziel hat und damit Gesellschaften und Nationalstaaten bedroht. Darüber hinaus geht der klassische Antisemitismus oft mit Vernichtungsphantasien einher: Was als bedrohlich und mächtig halluziniert wird, muss letztendlich vernichtet werden. Diese Muster kann man auch heute noch finden, z.B. im antizionistischen Antisemitismus.

Sehen Sie die Gefahr eines „neuen Antisemitismus“?

Aycan Demirel: Im letzten Jahrzehnt hat der altbekannte Dämon Antisemitismus weltweit ein Renaissance erlebt. In unterschiedlicher Intensität tritt Judenfeindlichkeit auf und genießt wieder gesellschaftliche Akzeptanz. Antisemitische Aussagen und Handlungen werden leichter als zuvor in der Öffentlichkeit artikuliert. Dazu gehören Martin Walsers Forderungen nach dem so genannten Schlussstrich, genau so wie die Holocaust leugnenden Aussagen des katholischen Piusbrüders Richard Williamson, Achmedinejads Vernichtungsdrohungen gegen Israel oder Verkauf von einschlägigen antisemitischen Propagandamaterial, wie Protokolle der Waisen von Zion in einem türkischen Buchmesse in Berlin-Kreuzberg.

Mirko Niehoff: Zu den für unser Thema relevanten gesellschaftlichen Umwälzungen gehören auch der 11.September und seine Auswirkungen sowie das Verhältnis zwischen Muslimen und der westlichen Welt. Islamistische Strömungen, aber auch etablierte Politiker in einigen islamischen Ländern setzen Polarisierung und nutzen zum Beispiel den Nahost-Konflikt zur antisemitischen Propaganda. Über das Internet oder Satellitensender erreichen sie auch Menschen in Deutschland.

Wie schätzen Sie den Einfluss antisemitischer Vorurteile unter Migrantengruppen in Deutschland ein?

Aycan Demirel: Wenn wir einseitig über Antisemitismus unter Migranten sprechen, besteht die Gefahr, das Problem zu externalisieren. Indem die Migranten als Verursacher beschuldigt werden, entlastet sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft. In unserer pädagogischen Praxis sind alle Muster judenfeindlicher Haltungen, die wir unter Migranten finden, ebenso unter den Herkunftsdeutschen zu beobachten. Das Phänomen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten.

Mirko Niehoff: Die Stereotypen, die deutsche oder muslimisch geprägte Jugendliche im Kopf haben, sind dieselben. Die islamistische Propaganda hat den Antisemitismus ja nicht neue erfunden, sondern nutzt altbekannte Stereotype und Bilder. Unterschiede gibt es jedoch bei den Quellen, den Narrationen, Erfahrungen und einer eventuellen persönlichen Involvierung in die Regionen des Nahost-Konfliktes sowie der eigenen Identität.

Aycan Demirel: Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Aktuelle französische Studien, in denen Antisemitismus unter den Jugendlichen in Banlieues untersucht wurden, sprechen von einem Antisemitismus „von unten“. Dabei geht es um eine soziale Schicht, die mit Mustern des Antisemitismus ihre soziale Lage erklärt. Auch in Deutschland haben Migrantenfamilien oft keinen besonders hohen gesellschaftlichen Status.

Wie kann man Antisemitismus Ihrer Meinung nach wirkungsvoll begegnen? Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer praktischen Arbeit gemacht?

Aycan Demirel: Auf der Metaebene haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Bekämpfung des Antisemitismus durch eine „pädagogische Feuerwehr“ nicht funktioniert. Antisemitismus findet nicht nur in der Schule statt, die Jugendlichen schnappen ihre Vorurteile und Haltungen auch zu Hause, auf der Straße und in den Medien auf. Für Bildungsfragen ist die Schule entscheidend, daher ist sie auch ein guter Ort, um etwas gegen antisemitische Einstellungen zu tun. Aber das entlastet uns gesamtgesellschaftlich nicht.

Mirko Niehoff: Unser Ansatz: Wir machen keine Konzepte für Antisemiten, sondern für ganz normale Jugendliche. Das heißt, wir gehen von antisemitischen Einstellungsmustern aus, nicht von einem kompletten antisemitischen Weltbild. Nehmen wir das Beispiel Nahost-Konflikt: Wir versuchen herauszufinden, auf welchen Denkmustern die Haltungen der Jugendlichen beruhen. Basieren sie vorwiegend auf Emotionen und Affekten oder auf Wissen? Wird eine Seite einem manichäischem Urteilsmuster attackiert, dann ist die Vermittlung von Multiperspektivität sowie die Befähigung zu politischer Urteilsfähigkeit wichtig.

Welche Rolle spielt die Bildung zu den Allgemeinen Menschenrechten beim Kampf gegen Antisemitismus?

Aycan Demirel: In vielen pädagogischen Konzepten greifen wir das Gleichheitsgebot der Menschenrechte auf. Zum Beispiel in dem Modul „Islamistischer Antisemitismus“, das wir entwickelt haben, geht es stark um Menschenrechte, insbesondere Glaubens- und Meinungsfreiheit. Ein weiterer Baustein des Moduls ist das Eingehen auf die Vielfalt im erlebten Islam. Die Jugendlichen sollen ein positives Gefühl zu ihrer Identität und ihrer Religion entwickeln können. Weltweit stehen viele Muslime für Toleranz und friedliches Miteinander ein, während eine kleine Minderheit Haß und Krieg schürt. Es geht um Ambivalenzen und Vielfalt im Islam, wie bei allen Religionen. Diese auf Anerkennung setzende Pädagogik ermöglicht es, einen kritischen Umgang mit den problematischen Aspekten ihrer Religion.

Die bisherigen Konzepte in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus greifen zu kurz“, schreiben Sie auf Ihrer Website. Inwiefern?

Aycan Demirel: Ein wichtiger Unterschied zwischen Antisemitismus und anderen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten ist, dass die Juden nicht nur wegen ihrer vermeintlich ethnischen oder kulturellen Eigenschaften verurteilt werden, sondern Antisemitismus eben zugleich ein Welterklärungsmuster – Stichwort Verschwörung – ist. An diesem Punkt greifen unserer Meinung nach die Ansätze der antirassistischen und interkulturellen Pädagogik zu kurz. Israelfeindschaft, als eine der aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus zum Beispiel, kann man nicht mit interkulturellen Ansätzen bearbeiten. Darüber hinaus kritisieren Pädagogen und Fachleute immer wieder, dass sich die bisherige Thematisierung des Antisemitismus auf den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung in der Geschichte beschränkt. Die Beschäftigung mit der Geschichte kann in vielen Fällen Sensibilität, Problembewusstsein und Empathie vermitteln, aber man muss weiter gehen. Wir begegnen zum Beispiel viel zu oft die Äußerung, dass Israel heute gegenüber Palästinensern vergleichbar mit Nazis handelt, obwohl man das Leid der Juden im historischen Kontext anerkennt. Daher bearbeiten wir hauptsächlich aktuelle Themen und Wahrnehmungen der Jugendlichen, in denen häufig antisemitische Deutungen auftauchen.

Woran fehlt es Ihnen bei Ihrer Arbeit, in welchen Bereichen wünschen Sie sich eine stärkere Unterstützung?

Aycan Demirel: Wir möchten vor allem die Kontinuität unserer Arbeit erreichen. Pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus hat größere Erfolgschancen, wenn eine dauerhafte Partnerschaft mit Bildungseinrichtungen ermöglicht wird. Mit einem Projekttag pro Schule und Jahr sind die Spielräume gering, nachhaltig etwas zu verändern. Man kann sich gerade mal mit einem Aspekt des Themas beschäftigen, andere Schwerpunkte sind nicht drin. Dabei ist der Antisemitismus ein breites Feld, eine intensive Beschäftigung verlangt. Die Fokussierung auf Modellprojekte als einzige Förderungsmöglichkeit ist daher zu eng. Modellprojekte sind sehr wichtig, um Neues auszuprobieren und Ansätze weiter zu entwickeln. Nach dem Auslaufen eines Modelprojektes stehen aber oft keine Mittel für die Implementierung zur Verfügung.

Das Interview führte Tatjana Brode.


 

Der Verein

Logo kiga e.V.

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (kiga e.V.) hat sich 2004 in Berlin gegründet. Ziel ist, pädagogische Konzepte gegen Antisemitismus für den schulischen und außerschulischen Einsatz zu entwickeln. Aktuell erarbeitet die Initiative unter anderem Module für muslimisch geprägte Jugendliche. Das Team der Initiative ist kulturell und wissenschaftlich heterogen, so dass es eine multiperspektivische Sicht auf dieses Thema hat.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Fortbildung von Pädagogen im Umgang mit aktuellen und historischen Erscheinungen des Antisemitismus. 2009 führte kiga e.V. das Projekt „Jüdisches Leben in Kreuzberg“ durch, das von der Stiftung EVZ gefördert wurde. Es beinhaltete Workshops an Schulen sowie Weiterbildungsangebote für Pädagogen.

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Zur Person

Demirel

Aycan Demirel ist Mitbegründer und seit 2004 im Vorstand der Initiative tätig. Er ist Projektleiter des Bundesmodellprojektes „Pädagogische Module gegen Antisemitismus für muslimisch geprägte Jugendliche“ und seit 2009 Mitglied des unabhängigen Expertengremiums der deutschen Bundesregierung zur Bekämpfung des Antisemitismus.

Zur Person

Niehoff

Mirko Niehoff ist seit 2005 im Vorstand vom kiga e.V. aktiv und pädagogischer Leiter der Initiative.