Hintergrund

Antisemitismus in Deutschland

Fremdenhass, Vorurteile und Stereotype gegenüber Minderheiten sind auch in Deutschland bei weitem nicht gebannt. Die Bandbreite antisemitischer Handlungen reicht von negativen Anspielungen bis zu Gewalttaten und Auslöschungsphantasien. Antisemitische Einstellungen speisen sich aus verschiedenen Quellen und Motivationen, wandeln sich und vermischen sich zum Teil miteinander. Wichtig ist, sie rechtzeitig zu erkennen und bewusst zu machen. Viele Menschen, zu deren Selbstverständnis die Ablehnung dieser menschenverachtenden Haltung gehört, argumentieren dennoch selbst punktuell mit antisemitischen Ressentiments und Stereotypen.

Antisemitismus wird auf den ersten Blick vor allem rechtsextremen Kreisen zugeschrieben, die generell als fremdenfeindlich bekannt sind und in der nationalsozialistischen Tradition gesehen werden. Die Feindschaft gegenüber Juden wird mit Stereotypen und Verschwörungstheorien begründet. Die Juden würden Politik, Wirtschaft und die Medien der Welt dirigieren, lautet eines der Erklärungsmuster. Darüber hinaus wird in diesen Kreisen der Holocaust bagatellisiert und das Existenzrecht Israels angezweifelt. Es handelt sich hierbei um pauschale Vorurteile, die nichts mit konkreten Handlungen von Juden zu tun haben, sondern auf negativen Vorstellungen und Phantasien beruhen.

Aus derart unsinnigen Motiven werden jedes Jahr in Deutschland tätliche Angriffen auf jüdische Einrichtungen verübt, Menschen mit Gewalt bedroht und verbal verletzt. Auch wenn diese Positionen in ihrer radikalen Form von der Mehrheit der Bevölkerung geächtet werden, stellen sie eine grundsätzliche Bedrohung eben nicht nur für die Juden, sondern für die Menschlichkeit und Toleranz unserer gesamten Gesellschaft dar. Daher ist es eine wichtige Herausforderung bei der Bekämpfung von Antisemitismus, sich mit rechtsextremen Gruppen und Parteien auseinander zu setzen.

Mit Sorge beobachten Experten, dass judenfeindliche Argumentationen zunehmend von den rechten Rändern in die Mitte der Gesellschaft diffundieren, wie etwa Zuschreibungen angeblich typischer jüdischer Eigenschaften. Bestimmte antisemitische Ressentiments gelten inzwischen in Gesellschaftskreisen als akzeptabel, in denen sie noch vor einigen Jahren abgelehnt wurden.

In der Mitte der Gesellschaft

Der so genannte sekundäre Antisemitismus in Deutschland hat seinen Ausgangspunkt in dem Wunsch, sich nicht länger mit dem Nationalsozialismus, der Geschichte der Opfer und der deutschen Täterschaft auseinander setzen zu müssen. Charakteristisch für den sekundären Antisemitismus sind Aussagen, die die Schuld der Deutschen klein zu reden versuchen, die Koordinaten von Opfern und Tätern verschieben oder Angst vor der „Rache der Juden“ schüren. Sekundärer Antisemitismus ist Ausdruck der Ambivalenz, sich einerseits schuldig zu fühlen und andererseits die Schuld verlagern, von sich weisen zu wollen. Das Muster kann zu einer neuen Aggression gegenüber der Opfern führen.

Wissenschaftler warnen, dass die Zustimmung zu modernen Formen des Antisemitismus ausgesprochen hoch ist. 2006 stimmten 41,5 Prozent der Aussage zu: "Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen." Fast 62 Prozent der Befragten kritisierten, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden". Die Studie wies aber auch nach, dass Personen, die antisemitischen Aussagen zustimmen, auch dazu neigen, Muslime, Frauen, homosexuelle, behinderte und obdachlose Menschen sowie Zuwanderer abzuwerten. Antisemitismus ist unter den älteren und weniger gut qualifizierte Menschen besonders stark verbreitet. Über alle Bevölkerungsgruppen hinweg haben sich die antisemitischen Einstellungen von Ost- und Westdeutschen mittlerweile weitgehend angenähert. (vgl. Andreas Zick und Beate Küpper: Das traditionelle Vorurteil und seine Transformationen, 2007)

Antisemitismus ist also leider keine Randerscheinung, sondern betrifft alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Er wird – aufgrund der öffentlichen Tabuisierung – oft unterschwellig und im privaten Raum, beispielsweise von den Eltern zu den Kindern oder unter Freunden, weitergegeben. Zunehmend nimmer er Muster des traditionellen Antisemitismus auf.

weiter mit Seite 2/2

 
Gedenkstätte

Projekte der Stiftung EVZ

Zum Thema hat die Stiftung EVZ eine Reihe von Porgrammen und Projekten initiiert und unterstützt. Eine Übersicht finden Sie hier.