Welche Bedeutung hat die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gerade für die junge Generation, die Krieg nur aus den Geschichtsbüchern oder den Nachrichten kennt?
Ich glaube, dass der Zweite Weltkrieg für die junge Generation sehr weit weg ist. Die emotionale Betroffenheit der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen ist nicht mehr vorhanden. Meine Erfahrung ist jedoch, dass sich die Jugend gerade durch persönliche Begegnungen mit Zeitzeugen ansprechen lässt. Wichtig ist, den jungen Leuten nicht mit vorgefertigten Lehren aus der Geschichte und erhobenem Zeigefinger entgegenzutreten. Stattdessen sollte man ihr die Möglichkeit geben, eigene Schlüsse zu ziehen.
Nun wird oft darüber diskutiert, dass die Jugend des Themas "Zweiter Weltkrieg" überdrüssig ist. Was sind Ihre Erfahrungen?
Ich persönlich erlebe es so, dass die junge Generation sehr offen ist. Im Geschichtsunterricht an den Schulen sind die Schüler beim Thema Nationalsozialismus und Holocaust oft unbefangener als die Lehrer und spüren umgekehrt die Befangenheit der Lehrer sehr deutlich. Das macht natürlich die Vermittlung dieser Themen sehr schwierig. Aber es sollte im Geschichtsunterricht gelingen, die Vergangenheit emotional ansprechend und erlebbar zu machen.
Die Stiftung EVZ legt Wert darauf, den Jugendlichen in den geförderten Projekten Raum für eigene Schlussfolgerungen aus der Geschichte zu geben. Gleichzeitig muss man aber auch die Lehrer unterstützen. Zum Beispiel haben wir die Erfahrung gemacht, dass Lehrer oft mit einem neuen Antisemitismus konfrontiert sind, besonders bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Wie äußert sich dieses Phänomen?
Wenn das Thema Holocaust diskutiert wird, lehnen sich die Jugendlichen oft zurück, weil sie das Thema als ausschließlich deutsches Problem betrachten. Aber es ist wichtig, dass auch sie sich als junge Deutsche begreifen, auch wenn ihre Familien andere Herkunftsländer haben. Wir haben neue Förderangebote entwickelt, in denen diese Jugendlichen stärker in den Dialog einbezogen werden sollen. Hier soll auch Platz für die Geschichten sein, die sie aus ihren Herkunftsländern mitbringen.
Welche Verantwortung erwächst heute, wo die letzten Zeitzeugen sterben, bei der Vermittlung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges?
Solange es noch Zeitzeugen gibt, ist die persönliche Begegnung mit ihnen sehr wichtig. Daher fördern wir als Stiftung EVZ solche Treffen. Aber die mittlerweile hoch betagten Menschen können oft nicht mehr reisen. Und so unterstützen wir Fahrten der Jugendlichen nach Osteuropa, etwa in die Ukraine, nach Belarus oder Russland.
Ein weiteres wichtiges Projekt in diesem Zusammenhang ist das Zeitzeugen-Archiv, das in Kooperation mit der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Historischen Museum entstanden ist. Hier stellen wir im Internet etwa 600 Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus 26 Ländern zur Verfügung. Dieses Angebot dient vor allem Bildungszwecken und ist eine sehr gute Ergänzung zum Archiv der Shoah-Foundation, da es auch nicht-jüdische Zwangsarbeiter berücksichtigt.
Welche Unterschiede gibt es in der Art und Weise der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg? Hat sich inzwischen vielleicht eine Art gemeinsames europäisches oder globales Gedächtnis entwickelt?
Die Entwicklung eines europäischen Gedächtnisses ist eine große Herausforderung. Es gibt nicht nur einen sehr unterschiedlichen Umgang mit Geschichte in den verschiedenen Ländern, es bestehen auch große Verständigungsprobleme darüber, welche Rolle die einzelnen Staaten in der Geschichte gespielt haben – so sehen sich einige Länder zum Beispiel ausschließlich in der Opferrolle. Man muss die unterschiedlichen Geschichtsbilder kennen, um sich austauschen zu können. Der Holocaust ist in der Erinnerung mit vielen Konflikten beladen.
Wir investieren viel in bilaterale Projekte, in denen Jugendliche aus verschiedenen Ländern gemeinsam an Projekten zur Geschichtsaufarbeitung arbeiten können – das können Videos oder Theaterstücke sein. Ein Beispiel dafür ist unser Förderprogramm „Europeans for Peace“, ein anderes unser Programm „Geschichtswerkstatt Europa“, die beide zur Auseinandersetzung mit europäischer Erinnerung aufrufen.
Die Auseinandersetzung mit Unrechtserfahrungen ist aber ein globales Thema. Ob es um die Kriege in Ruanda, Kambodscha oder dem Irak, um nur einige Konflikte zu nennen, oder um die Überwindung von Diktaturen geht – überall ist es wichtig, die Erfahrungen von Unrecht und Gewalt aufzuarbeiten. Das ist zum einen ein Gebot der Menschlichkeit den Opfern gegenüber, aber auch eine Voraussetzung für die Demokratisierung der Gesellschaften als Ganze.
Was können und was müssen wir heute tun, um diesem Vermächtnis aus der Geschichte und gleichzeitig den aktuellen kriegerischen Konflikten und sozialen Spannungen gerecht zu werden?
Für uns als Stiftung EVZ stehen die Opfer von Gewalt im Vordergrund. Wir sind als Stiftung gegründet worden, um die Opfer von Zwangsarbeit zu entschädigen, was mit den Auszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter geschehen ist. Aber wir wollen auch weiterhin Opfern von Menschenrechtsverletzungen Hilfe und angemessene Unterstützung anbieten.
„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ – welche Aufgabe hat die Stiftung nach dem Ende der Auszahlungen an Hunderttausende ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter?
Die Stiftung steht insgesamt für die dauerhafte Verantwortung gegenüber der Geschichte und dafür, dass die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg immer neu gezogen werden. Deutschland will keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Daraus folgt, dass wir uns für die Menschenrechte einsetzen und uns fragen, wie wir die Gruppen, die besonders gelitten haben, wie zum Beispiel die Roma, unterstützen können. Zudem initiieren wir auch Projekte für die Opfer heutiger Zwangsarbeit, mit der Fragestellung, wie man deren Rechte besser durchsetzen kann. Auch antisemitischer Gewalt wollen wir uns als Stiftung entgegenstellen.