Am 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion. An diesem Tag begann ein verbrecherischer Vernichtungskrieg, in dessen Folge Millionen Menschen starben und der den Überlebenden Leid zufügte, das sie nie vergessen konnten. Die Stiftung EVZ nimmt den 70. Jahrestag zum Anlass, der Opfer zu gedenken und auf ihre Erinnerungen aufmerksam zu machen.
Das NS-Regime hatte den Angriff auf die Sowjetunion seit 1940 unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ geplant. Hitlers rassenideologisches Programm sollte fortgesetzt werden, um „Lebensraum im Osten“ zu gewinnen und die "jüdisch-bolschewistische Intelligenz" zu beseitigen. Ökonomisches Ziel war, Ressourcen zu erobern, mit denen Deutschland den Krieg im Westen finanzieren könnte. Von Anfang an war der Tod von Millionen Menschen in der UdSSR einkalkuliert gewesen.
Während des deutsch-sowjetischen Krieges starben geschätzt 27 Millionen Sowjetbürger, davon 18 Millionen Zivilisten. Zum Vergleich: Im gesamten Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 wurden sechs bis sieben Millionen Deutsche getötet.
Zwischen Ende 1941 und 1944 wurden etwa 2,7 Millionen zivile Arbeitskräfte aus der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Hier wurden sie besonderen rassistischen Regeln unterworfen und für alle sichtbar als „Ostarbeiter“ gekennzeichnet. Damit standen sie auf der untersten Stufe der Ausländerhierarchie. Viele von ihnen wurden in speziellen Lagern untergebracht und zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen, Unterernährung und Krankheiten zehrten die Menschen bis zum Tod aus.
Gezielte Massenmorde an Zivilisten
Die rassistische Vernichtungspolitik des NS-Regimes erreichte in diesem Krieg eine neue Dimension: Mordkommandos töteten Juden, Roma, Kommunisten, Angehörige der Eliten und gezielt slawische Zivilisten. In der Schlucht Babi Jar bei Kiew starben Ende September 1941 mehr als 33.000 Juden bei der größten einzelnen Mordaktion des Zweiten Weltkrieges, viele weitere Massaker folgten. Hunderttausende Menschen fielen den Massenschießungen der Einsatzgruppen zum Opfer. Viele rassistische Mordaktionen richteten sich gleichzeitig gegen Roma und Juden, die gemeinsam in Massengräbern verscharrt wurden.
Historiker gehen davon aus, dass mit dem Krieg gegen die Sowjetunion der Holocaust in Gang gesetzt wurde. Die Phantasmen des NS-Regimes über eine „arische Herrenrasse“ gipfelten in einem Programm zur systematischen Vernichtung von Menschen. Auf der „Wannsee-Konferenz“ im Januar 1942 wurde die Deportation der jüdischen Bevölkerung zur Vernichtung europaweit organisiert und koordiniert. Etwa 1,8 Millionen Juden aus der UdSSR kostete diese Politik das Leben.
Das Euthanasieprogramm, dem im Deutschen Reich 100.000 Kranke und Behinderte zum Opfer fielen, wurde auch auf die Sowjetunion ausgeweitet. Die Bewohner von Heimen für psychisch Kranke und Behinderte wurden systematisch umgebracht; auch Kinderheime wurden auf diese Weise „geräumt“.
Die slawischen Zivilisten sollten nur insofern überleben, als sie als Arbeitskräfte benötigt würden. Grausamstes Beispiel dieser Politik wurde die Leningrader Blockade, in der 800.000 Menschen dem Tod durch Verhungern ausgesetzt wurden.
Sowjetische Kriegsgefangene
Etwa 5 Millionen sowjetische Militärangehörige wurden gefangen genommen, 3,2 Millionen von ihnen völkerrechtswidrig ermordet oder durch die grausamen Bedingungen in den Gefangenenlagern getötet. Juden und politische Kommissare wurden von den anderen Kriegsgefangenen getrennt und in gezielten Mordaktionen umgebracht; Soldatinnen wurden oft nicht einmal gefangen genommen, sondern sofort getötet. 630.000 sowjetische Kriegsgefangene wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die überlebenden Kriegsgefangenen sahen sich bei ihrer Rückkehr in die Sowjetunion mit Vorwürfen der Kollaboration konfrontiert, viele erlebten erneute Verfolgung und Repression.
Situation der Opfer heute
Bis heute ist das Leben der Opfer des Nationalsozialismus von den Erfahrungen dieser Jahre überschattet. Die meisten „Ostarbeiter“ waren junge Leute, 30 Prozent zwischen 12 und 14 Jahren alt, heute sind sie bereits in ihren 80er Jahren.
Die Überlebenden berichten von sozialer Isolation und den physischen und psychischen Folgen traumatischer Erlebnisse. Materiell sind sie von Armut, unzureichender gesundheitlicher Betreuung und mangelnder hauswirtschaftlicher Pflege betroffen. Wichtig sei ihnen jedoch vor allem, dass ihre Lebenswege anerkannt würden, sagen viele, verbunden mit dem Wunsch, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sie an kommende Generationen weiter zu geben.
Engagement der Stiftung EVZ
Die Stiftung EVZ und ihre Partnerorganisationen haben bis 2007 an 1,66 Millionen Menschen – überlebende NS-Opfer und ihre Rechtsnachfolger – insgesamt 4,4 Milliarden Euro aufgrund von Zwangsarbeit und anderem Unrecht gezahlt. Die meisten Zwangsarbeiter aus dem Gebiet der Sowjetunion kamen aus der heutigen Ukraine, 465.672 Menschen empfingen dort Entschädigungszahlungen, in Russland waren es 227.685 Personen, in Belarus 119.699. Auch wenn menschliches Leid nicht materiell entschädigt werden kann, leisteten die Zahlungen einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung der Opfer. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung EVZ, mit den humanitären Leistung solle „für die überlebenden Zwangsarbeiter ein Zeichen gesetzt werden, dass das ihnen widerfahrene große Leid nicht in Vergessenheit gerät“.
Über die im Jahr 2007 abgeschlossenen Auszahlungsprogramme hinaus fördert und initiiert die Stiftung EVZ eine Vielzahl von Projekten, die sich um die Verbesserung der Lebenslage ehemaliger NS-Opfer bemühen. Zugleich hat die Stiftung das Ziel, den Opfern eine Stimme zu geben, ihre Erfahrungen und ihr Wissen für die Gestaltung der Zukunft zu bewahren.
Im 70. Jahr seit dem Überfall auf die Sowjetunion führt die Stiftung EVZ eine Veranstaltungsreihe durch, die sich mit dem Leid und den Erfahrungen der Opfer auseinandersetzt. Themen sind beispielsweise „Vergessene Opfer – Der Genozid an den Roma“ am 7. April und „Der Krieg hat kein menschliches Gesicht. Die Auslöschung der Zivilbevölkerung“ am 20. Juni. Im Mai 2011 ist eine Journalistenreise in die Ukraine geplant, die unter anderem Begegnungen mit Zeitzeugen zum Ziel hat.