Interview: Dagi Knellesen und Ralf Possekel

Interview mit den Herausgeber_innen der Publikationsreihe "Bildungsarbeit mit Zeugnissen"

Bereits Ende 2015 ist der erste Band der Publikationsreihe "Bildungsarbeit mit Zeugnissen" erschienen, der sich mit den unterschiedlichen Zeugnissen beschäftigt, die die Überlebenden nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager hinterlassen haben. Der zweite Band legt seinen Fokus auf videografierte lebensgeschichtliche Interviews, die mit ehemaligen Häftlingen geführt wurde und betrachtet dabei deren Rezeptionen in vier Ländern.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ging es Ihnen vor allem um die Frage, wie die Erinnerungskultur in ihren vielfältigen Formen weitergeht, wenn die Überlebenden gestorben sind. Wie haben Sie diese ursprüngliche Intention für die Tagungsreihe, auf der diese Publikationen beruhen, umgesetzt?

Unsere Intention und Ausgangsüberlegung war es, die Auseinandersetzung mit den Zeugnissen zu stärken und zwar vor allem im Kontext der Bildungsarbeit in Schulen und der außerschulischen Bildung, wie bspw. Museen und Gedenkstätten Ein weiterer wesentlicher Aspekt dabei war, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die unterschiedlichen Zeugnisformen in die Bildungspraxis zu vermitteln. Entsprechend ist Band 1 nach sechs wichtigen Zeugnisformen (Zeitzeugeninterviews, Schriftzeugnisse, autobiografische Zeugnisliteratur, Bildzeugnisse, Musik und Quellen aus NS-Prozessen) strukturiert. Jedes der Kapitel wird mit mindestens einem wissenschaftlichen Beitrag zu der entsprechenden Zeugnisgattung eröffnet, gefolgt von Artikeln, die erprobte Bildungskonzepte vorstellen. Der Band soll dazu beitragen, ein differenziertes Verständnis von „den Zeugnissen“ zu entwickeln, sie als Quellen in ihren unterschiedlichen Gestaltungsformen ernst zu nehmen und eine quellenkritische Bildungsarbeit anzuregen.

 

In der Einleitung zum ersten Band haben sie sich selbst mit der Frage beschäftigt, was diese Zeugnisse so speziell macht. Wie würden sie die Bedeutung dieser Zeugnisse 70 Jahre nach Kriegsende beschreiben?

Die Wahrnehmung und Bedeutung der Zeugnisse von NS-Verfolgten und Holocaust Überlebenden seit sicherlich 20 Jahren sowohl in Deutschland als auch international erheblich angestiegen. Eine Garantie für eine weiterhin dauerhaft wachsende erinnerungskulturelle Bedeutung der Zeugnisse gibt es jedoch nicht. Wenn wir uns die 70 jährige Wahrnehmungsgeschichte der Zeugnisse von NS-Opfern genauer ansehen, dann zeigt sich, dass es Wahrnehmungskonjunkturen. Die Bedeutung der Zeugnisse von NS-Opfern wird von Bedürfnissen, Ereignissen, Diskursen und Interpretationen der Gegenwart bestimmt, dies ist Teil des Historisierungsprozesses. Hier zeichnen sich einige Tendenzen ab, die auch zukünftig eine Rolle spielen werden.

 

Ein wichtiger Bestand (Bestandteil) der Erinnerungskultur ist die historische Bildung, also die pädagogische Arbeit. Wo sehen Sie hier das Potenzial der Zeugnisse für die Bildungspraxis?

Die Besonderheit und das Potential dieser Quellen liegen darin, die Radikalisierungsentwicklungen einer extrem gewalttätigen Geschichte zu begreifen. Das bedeutet auf der Ebene des individuellen Erlebens wie durch ein Brennglas die Mechanismen zu verstehen, die im Zusammenspiel von staatlich gelenkter Gewalt, Ideologie und einem breiten gesellschaftlichen Konsens zu einem präzedenzlosen Massenmord an den europäischen Juden, zur Ermordung und Unterwerfung „rassisch minderwertiger“ Ethnien und zur Verfolgung und Ermordung von sozial Geächteten und politischen Gegnern geführt hat. Die Dokumentationen von Holocaust-Überlebenden und anderen NS-Verfolgten konfrontieren uns und die Jugendlichen mit den ganz konkreten Auswirkungen. Sie brechen die ungeheure Dimension der NS-Massenverbrechen herunter in eine alltägliche Welt von Lebensumständen, Beziehungen und konkreten Menschen, die gedacht, gefühlt und gehandelt haben. Dadurch wird auch das heute noch gängige Bild von „den passiven ausgelieferten Opfern“ demontiert.

 

Gibt es Parallelentwicklung in der Wissenschaft, den Medien oder auch einer breiteren Öffentlichkeit, hinsichtlich einer verstärkten Hinwendung und Nutzung der Zeugnisse?

Der Trend zur Personalisierung von Geschichte stellt eine solche Parallelentwicklung dar, da er in allen angesprochenen Bereichen zu einer verstärkten Wahrnehmung von NS-Opfern und ihrer Perspektive führte. Was die Aufmerksamkeit für die Zeugnisse anbelangt, sind eher verschobene Entwicklungen auszumachen. In den “traditionellen“ Medien (Fernsehen, Rundfunk, Print) rückten seit der Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre die persönlichen Geschichten, Schicksale und Biografien von Holocaust Opfern und nicht-jüdischen NS-Verfolgten in den Vordergrund und in zunehmendem Maße auch die in Dokumentationen zentral positionierten Zeitzeugeninterviews. Die Präsenz dieser Geschichten und Dokumentationen in den Medien ist schwankend, dennoch steigt sie bislang zu den als gewichtig erachteten Jahrestagen deutlich an. Jenseits der Zeugnisform Zeitzeugeninterview – die in der für die Medien aufbereiteten journalistischen Form, fast eine eigene Unterkategorie darstellen – spielen Zeugnisse in diesen Medien jedoch eine untergeordnete Rolle. Ganz anders verhält es sich mit dem neuen Massenmedium Internet und den allgemeinen digitalen Entwicklungen. Hier eröffnen sich gerade für die Zeugnisse vielfältige Präsentations- und Nutzungsmöglichkeiten. Ganze Quellenkonvolute wurden und werden digitalisiert, aufbereitet und frei zugänglich ins Netz gestellt. Am Beispiel der videografierten Zeitzeugeninterviews lassen sich die rasanten Entwicklungen in diesem Bereich auch für die Nutzung im Rahmen der Bildung beobachten. International werden Zeitzeugeninterviews in OnlinePortalen bereit gestellt. Speziell für die Bildungsarbeit werden vielschichtig angelegte multimediale Lernplattformen konzipiert. Diese Entwicklung wird sich sicherlich fortsetzen. Auch in der Wissenschaft lässt sich eindeutig feststellen, dass die Zeugnisse von NS-Verfolgten in den Fokus verschiedener Disziplinen gerückt sind.

 

Der zweite Band der Reihe setzt sich mit dem Umgang spezieller videografierter Interviews in vier Ländern (Polen, Tschechische Republik, Israel und Deutschland) auseinander. Worauf haben sie hier bei der Auswahl der Beiträge ihren Schwerpunkt gelegt?

Der zweite Band dokumentiert drei von der Stiftung EVZ initiierte binationale Expertentreffen mit Pädagoginnen und Wissenschaftlerinnen aus Israel, Tschechien und Polen, die jeweils mit Kolleginnen aus Deutschland zusammentrafen. Vorgestellt und diskutiert wurden Konzepte für die Bildungsarbeit mit Zeitzeugeninterviews sowie grundsätzliche theoretische und ethische Gesichtspunkte im Umgang mit diesen Quellen. Unser Kriterium für die Zusammenstellung der Beiträge für Band 2 war, möglichst vollständig die verschiedenartigen Bildungsansätze aus den vier Ländern einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Die Publikation soll konkrete Anregungen für die Bildungspraxis bieten. Daher wird in den Beiträgen sehr konkret beschrieben, mit welchem Interviewbestand, in welchem Bildungskontext gearbeitet und wie didaktisch-methodisch vorgegangen wird. Zudem werden die theoretischen Bezüge des Konzepts vorgestellt, zum Teil auch deren Ergebnisse reflektiert. Die Artikel sind in vier Länderkapitel angeordnet, die jeweils mit einem geschichtswissenschaftlichen Beitrag eröffnet werden, der die Bedeutung von Zeitzeugeninterviews und die Geschichte der Oral History in dem jeweiligen Land skizziert.

 

Die Fragen stellte Veronika Springmann.