Interview: Jost Rebentisch

Auch in Deutschland leben NS-Opfer in Armut

In Deutschland leben noch etwa 80.000 Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, sagt Jost Rebentisch. Der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte vertritt als einziger Verein in der Bundesrepublik die Interessen ALLER NS-Verfolgten. Im Interview informiert der Geschäftsführer des bundesweit tätigen Vereins über aktuelle Bedarfe der NS-Verfolgten und die Arbeit seiner Organisation.

Herr Rebentisch, die Stiftung EVZ hat 70 Jahre nach Kriegsende mit der Kampagne „Ich lebe noch“ um Unterstützung für die Opfer der NS-Verfolgung geworben. Warum ist das immer noch wichtig?


Rebentisch: Viele Überlebende sind auch heute noch materiell sehr schlecht gestellt. Vor allem in Osteuropa fehlt es oft am Nötigsten, und auch in Israel, den USA und Westeuropa gibt es sehr viele arme Überlebende. Die Überlebenden brauchen aber nicht nur Geld, sie brauchen auch direkte Hilfe, die wiederum Geld kostet: Hilfe bei der Pflege, psychosoziale Unterstützung, Projekte gegen die Vereinsamung usw. Wir sind der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ sehr dankbar, dass sie in diesem Bereich so aktiv ist und wichtige Akzente setzt.


 
WENN SIE DIE HEUTIGE SITUATION DER EHEMALIGEN NS-VERFOLGTEN VERGLEICHEN: IN WELCHEN LÄNDERN LEBEN DIESE HEUTE UND WO BENÖTIGEN SIE AM DRINGENSTEN UNTERSTÜTZUNG?


Rebentisch: Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung leben überall auf der ganzen Welt. Wir wissen, dass es z.B. in Israel noch 200.000 gibt, in Deutschland gehen wir von etwa 80.000 aus. Wenn wir die bloße materielle Situation betrachten, sollten wir eigentlich davon ausgehen, dass es den Überlebenden in den west- und nordeuropäischen Ländern am besten geht. Das scheint auch so zu sein. In Osteuropa ist die Situation oft wesentlich schlimmer, besonders schlecht geht es zurzeit den Überlebenden in der Ostukraine. Sehr beeindruckend finde ich aber auch ein Beispiel, das Stuart Eizenstat* brachte: New York City hat etwa 60.000 Shoah-Überlebende, von denen 30.000 an oder unter der Armutsgrenze leben. Es darf einfach nicht sein, dass Menschen, die ein solches Verfolgungsschicksal haben, heute in materieller Not leben.


UND WIE IST DIE LAGE IN DEUTSCHLAND?


Rebentisch: Viele denken, dass es den Menschen in unserem vergleichsweise wohlhabenden Land gut geht, aber auch hier gibt es Armut. Auch hier, vor unserer Haustür, in Deutschland gibt es NS-Opfer, denen es materiell schlecht geht, wie wir es beispielsweise bei den russischen Kontingentflüchtlingen oder auch im Bereich Sinti/Roma sehen. Dort ist ein Teil der ehemaligen NS-Verfolgten von Sozialleistungen abhängig und erhält lediglich eine Grundsicherung. Da sieht man echte Not.

 

VIELE DER OPFER VON KRIEG, GEWALTHERRSCHAFT UND ZWANGSARBEIT HABEN KAUM ÜBER DAS ERLEBTE GESPROCHEN. WIE WICHTIG IST ES, DAS ERLEBTE MITZUTEILEN UND IN DEN DIALOG MIT DEN NACHFOLGENDEN GENERATIONEN ZU TRETEN?


Rebentisch: Das ist natürlich sehr wichtig. Und wir müssen uns klar machen, dass die Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben berichten können, mittlerweile sehr rar sind. Wir betreiben  in Köln, Düsseldorf und Recklinghausen Erzähl- und Begegnungscafés, in denen sich einerseits die Überlebenden treffen können und andererseits Zeitzeugen-Gespräche stattfinden: In den meist alle 14 Tage stattfindenden Begegnungscafés treffen sich ausschließlich NS-Verfolgte in einem „geschützten Raum“. Die andere Seite ist das offene Erzählcafé: Hier berichtet ein Überlebender über sein Leben und wir laden Schulklassen oder Jugendgruppen dazu ein. Wir finden es wichtig, dass die Jugendlichen die Geschichten der NS-Verfolgten hören und mit den Überlebenden in ein Gespräch eintreten können. Präventive Arbeit ist wichtig, um vielleicht einige Ideen in den Köpfen zu revidieren. Auch für die Verfolgten ist wichtig zu wissen: Ich trage dazu bei, dass so was nicht noch mal passiert. Wir gehen auch in die Schulen. Da braucht es oft erst eine Weile, bis das Eis mit den Jugendlichen gebrochen ist, aber dann entspinnt sich meist ein lebhafter Dialog. Ich halte das für effizienter, als alle Filme, die zu diesem Thema gezeigt werden.


WELCHE MÖGLICHKEITEN GIBT ES, SICH FÜR NS-OPFER ZU ENGAGIEREN – WAS EMPFEHLEN SIE MENSCHEN, DIE SICH Z.B. ALS EHRENAMTLICHE ENGAGIEREN WOLLEN?“


Rebentisch: Leider gibt es nur wenige Organisationen in Deutschland, die direkt Projekte für die Überlebenden machen. Aber diese Organisationen suchen alle immer wieder ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Wir brauchen zum Beispiel Unterstützung für unsere Erzähl- und Begegnungscafés in Köln, Düsseldorf und Recklinghausen und für den Besuchsdienst, den wir im Rheinland anbieten. Viel Gutes tun kann man bei den aktiven Organisationen auch durch Spenden – da helfen oft auch kleinere Beträge schon  weiter.


WIE BESTIMMEND SIND DIE TRAUMATISIERUNGEN UND ERINNERUNGEN 70 JAHRE NACH KRIEGSENDE NOCH FÜR DAS TÄGLICHE LEBEN EHEMALIGER NS-VERFOLGTER?


Rebentisch: Zunehmend! Wie man ja weiß, werden die Erinnerungen stärker im Alter. Das führt dazu, dass die NS-Verfolgten, von denen die meisten mittlerweile über 80 Jahre alt sind, oft retraumatisiert werden. Nach dem Krieg waren viele mit Ausbildung, Familie und Beruf beschäftigt. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus und oft der Partner verstorben, und in der Einsamkeit kommt das Erlebte wieder hoch. Da müsste man dringend etwas tun, leider ist Hilfe aber meist mit Kosten verbunden. Das sollte aber eigentlich kein Hinderniss sein, diesen traumatisierten alten Menschen die Hilfe zukommen zu lassen, die sie dringend benötigen.


WAS MÜSSTE IHRER ANSICHT NACH GEMACHT WERDEN? WAS FÜR AUSWIRKUNGEN HABEN DIE RETRAUMATISIERUNGEN BEISPIELSWEISE AUF DIE ALTENPFLEGE?


Rebentisch: Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn gerade in der Altenpflege muss man ein besonderes Augenmerk auf die Retraumatisierungen werfen. So kenne ich einen Fall, wo eine alte Dame immer von ihrer Zelle und nicht von ihrem Zimmer redet. Sie hält den Pfleger für einen Aufseher. Da muss man die Pfleger sensibilisieren, denn Sätze wie "Kommen Sie jetzt mal mit mir zum Duschen" können in einer solchen Situation verheerend sein. Auch die Körperhygiene ist ein schwieriger Punkt: Ist es an sich schon unvertretbar, dass ältere Damen von männlichen Pflegern ausgezogen und gewaschen werden, ist es für NS-Verfolgte noch zusätzlich traumatisch.
Zu diesem Thema hat der Bundesverband, schon vor Jahren Projekte durchgeführt und Publikationen erstellt, doch es ist und bleibt schwierig, die Träger für diese „Sonderfälle“ zu sensibilisieren. Da heißt es dann meist, für eine derartig individuelle Betreuung fehle die Zeit – Stichwort „Pflegenotstand“. Es war noch nicht einmal möglich, bei den Trägern der Altenhilfe so genannte „Kompetenzzentren“ einzurichten, also MitarbeiterInnen, die für solche Fragen speziell geschult sind und den AltenpflegerInnen vor Ort mit Rat und Tat zu Seite stehen können. Es gab da einfach kein Interesse.

 

WELCHE UNTERSTÜTZUNG BENÖTIGEN DIE MENSCHEN, DIE SICH FÜR DIE NS-OPFER IN DEUTSCHLAND EINSETZEN?

 

Rebentisch: Die Arbeit mit den Überlebenden kann wegen der schweren Schicksale, die man dort erfährt, sehr belastend sein. Da ist es wichtig, dass die Möglichkeit besteht, sich über diese Belastung auszutauschen, z.B. in einer regelmäßigen Supervision. Wichtig ist außerdem, dass die oft ehrenamtlich tätigen Menschen genug Informationen über die Überlebenden und ihre Schicksale haben – vor allem bei jüngeren Menschen stoßen wir oft auf eine erschreckende Unkenntnis über die Vorgänge während der Nazizeit. Dann ist es natürlich wichtig, dass MitarbeiterInnen im Umgang mit den Überlebenden geschult werden – wir dürfen nicht vergessen, dass es sich hier um eine „vulnerable Gruppe“ von Menschen handelt, die mit großer Empathie und Fingerspitzengefühl behandelt werden sollte.


WO SEHEN SIE, ABGESEHEN VON DEN ANGESPROCHENEN PUNKTEN, NOCH HANDLUNGSBEDARF?


Rebentisch: Es sollte möglich sein, den Überlebenden in der ganzen Welt einen Lebensabend zu ermöglichen, in dem sie zumindest materiell nicht schlechter gestellt sind als der Durchschnitt der jeweiligen Landesbevölkerung. Das sind wir den Überlebenden schuldig. Es wäre außerdem dringend notwendig, auch den Organisationen der Überlebenden und den Organisationen, die den Überlebenden helfen, eine ausreichende Unterstützung zukommen zu lassen. Ich weiß von Überlebenden-Organisationen in Osteuropa, die ihre Mitglieder nicht erreichen, weil sie sich die Briefmarken nicht leisten können.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass es mit den ehemaligen italienischen Militärinternierten noch immer eine große Gruppe von Überlebenden gibt, die bisher weder Entschädigung noch Anerkennungsleistung bekommen hat. Bei den Überlebenden und Angehörigen der Opfer der Massaker, die Deutsche während des Zweiten Weltkriegs in Italien, Griechenland und auf dem Balkan angerichtet haben, verhält es sich genauso. Das darf so nicht bleiben.
Und dann haben wir natürlich den großen Problemkreis der so genannten „Zweiten Generation“, der Nachkommen der Überlebenden. In der Öffentlichkeit beginnt man erst jetzt langsam wahrzunehmen, dass es auch hier großen Handlungsbedarf gibt, und ich würde mir sehr wünschen, dass hier einmal nicht reflexartig abgewehrt wird, sondern dass man sich mit den gerechtfertigten Anliegen der Folgegenerationen ernsthaft auseinandersetzt. Einen ersten Ansatz haben wir mit unserer Konferenz „Zweite Generation“ im Juni 2015 in Berlin gemacht – wir stehen aber was diese Arbeit angeht noch am Anfang.

 

* Stuart Eizenstat, Sonderberater für Holocaust Angelegenheiten im US-Außenministerium, auf der Konferenz des European Shoah Legacy Instituts in Prag, Mai, 2015

Zur Person

Dr. Jost Rebentisch ist Geschäftsführer im Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte.